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Neurorehabilitation Teil 1

14. Okt.
11 Min. Lesezeit



 

 

Wie das Nervensystem Bewegung lernt - und wieder lernen kann

 

Nach einem Schlaganfall, einer neurologischen Erkrankung oder einer Verletzung des Nervensystems stellt sich häufig eine scheinbar einfache Frage:

 

Wie bringt man dem Körper eine verlorene Bewegung wieder bei?

 

Über viele Jahrzehnte entstanden darauf sehr unterschiedliche Antworten. Bobath, PNF, Vojta und andere Behandlungskonzepte entwickelten jeweils eigene Vorstellungen davon, wie therapeutische Reize Bewegung beeinflussen können.

 

Heute wissen wir wesentlich mehr darüber, wie Bewegung entsteht und wie das Nervensystem lernt. Und einige unserer früheren Vorstellungen mussten dabei korrigiert werden.

 

Denn Bewegung ist weder ausschließlich eine Leistung des Gehirns noch lässt sich das Nervensystem mit einem bestimmten Griff einfach „umprogrammieren“.

 

Die Realität ist deutlich komplexer - und gerade deshalb therapeutisch ausgesprochen spannend.

 

 

Bewegung entsteht nicht an einem einzelnen Ort

 

Wenn wir nach einem Glas greifen, eine Treppe hinaufgehen oder auf einem Bein stehen, gibt es im Gehirn keinen einzelnen Schalter, der die Bewegung einfach einschaltet.

 

An der Bewegung sind zahlreiche Systeme beteiligt.

 

Motorische Bereiche des Gehirns planen und organisieren Bewegungen. Basalganglien und Kleinhirn beeinflussen unter anderem Auswahl, Abstimmung und Anpassung von Bewegungen. Das Rückenmark verarbeitet Informationen und organisiert einen Teil der motorischen Aktivität bereits auf einer Ebene unterhalb des Gehirns.

 

Gleichzeitig liefern Augen, Gleichgewichtsorgan, Haut, Gelenke, Muskeln und Sehnen permanent Informationen darüber, wo wir uns befinden und was gerade passiert.

 

Bewegung ist damit immer das Ergebnis eines Zusammenspiels von Wahrnehmung, Planung, motorischer Aktivität und Rückmeldung.

 

Genau das erklärt auch, warum sich neurologische Störungen so unterschiedlich präsentieren können.

 

Ein Patient kann genügend Kraft besitzen und trotzdem Schwierigkeiten haben, einen Arm gezielt einzusetzen. Ein anderer kann eine Bewegung durchführen, erhält aber unzureichende Informationen darüber, wo sich sein Arm im Raum befindet. Wieder ein anderer hat Probleme mit Gleichgewicht, Koordination, Aufmerksamkeit oder Bewegungsplanung.

 

Die sichtbare Bewegung ist deshalb nur das Endprodukt eines wesentlich größeren Systems.

 

 

Ein Beispiel aus der Praxis

 

Stellen wir uns zwei Patienten nach einem Schlaganfall vor.

 

Beide können ihren rechten Arm grundsätzlich anheben.

 

Beim ersten Patienten fehlt jedoch Kraft. Er erreicht eine Wasserflasche nur mühsam, kann sie aber zielgerichtet greifen.

 

Der zweite Patient besitzt deutlich mehr Kraft. Trotzdem greift er an der Flasche vorbei, benötigt seine Augen zur Kontrolle und kann mit geschlossenen Augen kaum einschätzen, wo sich sein Arm befindet.

 

Von außen sieht man bei beiden zunächst eine „Störung der Armbewegung“.

 

Neurophysiologisch handelt es sich jedoch um zwei völlig unterschiedliche Probleme.

 

Der eine Patient benötigt unter anderem Kraft und wiederholtes funktionelles Training.

 

Beim anderen muss zusätzlich die sensorische Verarbeitung berücksichtigt werden.

 

Die Diagnose allein sagt deshalb noch relativ wenig darüber aus, wie eine konkrete neurologische Therapie aussehen sollte.

 

 

Propriozeption - der oft unterschätzte sechste Sinn

 

Eine besonders wichtige Rolle spielt die Propriozeption.

 

Damit bezeichnet man vereinfacht die Fähigkeit des Nervensystems, Stellung und Bewegung des eigenen Körpers wahrzunehmen.

 

Schließen Sie beispielsweise die Augen und bewegen Sie Ihren rechten Zeigefinger. Normalerweise wissen Sie trotzdem ziemlich genau, wo sich dieser Finger befindet.

 

Diese Information stammt unter anderem aus Rezeptoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken und der Haut.

 

Fällt dieser Informationsfluss teilweise aus, entsteht ein interessantes Problem:

 

Der Muskel kann theoretisch funktionieren - aber dem Gehirn fehlt ein Teil der Informationen, die für eine präzise Bewegung notwendig sind.

 

Deshalb kann sensorisches Training bei bestimmten neurologischen Störungen eine wichtige Ergänzung der motorischen Rehabilitation darstellen.

 

Allerdings gilt auch hier: Ein sensorischer Reiz allein erzeugt noch keine dauerhafte funktionelle Verbesserung.

 

Das Nervensystem muss lernen, diese Information im Zusammenhang mit einer sinnvollen Bewegung zu nutzen.

 

Ein Patient kann beispielsweise lernen, unterschiedliche Oberflächen zu erkennen, die Position seines Armes ohne Sichtkontrolle einzuschätzen oder beim Greifen gezielt auf Druck- und Bewegungsinformationen zu achten.

 

Entscheidend wird anschließend jedoch der Transfer:

 

Kann er diese Informationen auch nutzen, wenn er eine Tasse greift, einen Schlüssel ins Schloss steckt oder einen Knopf schließt?

 

 

Was Neuroplastizität wirklich bedeutet

 

Kaum ein Begriff wird in der modernen Rehabilitation häufiger verwendet als Neuroplastizität.

 

Leider entsteht dabei manchmal der Eindruck, das Gehirn könne durch den richtigen therapeutischen Reiz nahezu beliebig „neu verschaltet“ werden.

 

Ganz so einfach funktioniert es nicht.

 

Neuroplastizität beschreibt zunächst die Fähigkeit des Nervensystems, seine Funktion und Organisation als Reaktion auf Erfahrung, Training, Verletzung und Umweltbedingungen zu verändern.

 

Das passiert ständig.

 

Wenn wir Klavierspielen lernen, eine neue Sportart trainieren oder einen komplexen Bewegungsablauf tausendfach wiederholen, verändert sich die Verarbeitung im Nervensystem.

 

Dasselbe Prinzip nutzen wir in der neurologischen Rehabilitation.

 

Nach einer Schädigung können verbliebene neuronale Netzwerke ihre Aktivität verändern, Aufgaben teilweise neu organisieren und Strategien entwickeln, mit denen Funktionen wieder möglich werden.

 

Dabei muss man allerdings zwischen zwei Vorgängen unterscheiden:

 

Wiederherstellung und Kompensation.

 

Bei einer Wiederherstellung verbessert sich die eigentlich beeinträchtigte Funktion.

 

Bei einer Kompensation findet der Patient dagegen einen anderen Weg, um dasselbe Ziel zu erreichen.

 

Beides kann im Alltag außerordentlich wertvoll sein.

 

Ein Patient muss nicht unbedingt wieder exakt so aufstehen wie vor seinem Schlaganfall. Entscheidend kann zunächst sein, dass er selbstständig und sicher aufstehen kann.

 

 

Neuroplastizität bedeutet nicht automatisch Verbesserung

 

Das ist ein Punkt, der häufig vergessen wird:

 

Neuroplastizität ist zunächst wertneutral. Das Nervensystem lernt nicht automatisch das, was therapeutisch sinnvoll ist. Es lernt das, was häufig benutzt und wiederholt wird. Auch ungünstige Strategien können sich deshalb festigen.

 

Wenn beispielsweise ein Patient seinen betroffenen Arm nach einem Schlaganfall kaum noch benutzt und sämtliche Aufgaben konsequent mit der anderen Hand erledigt, wird genau diese Strategie immer effizienter. Der betroffene Arm erhält dagegen immer weniger relevante Übung. Man spricht in diesem Zusammenhang unter anderem vom „learned non-use“ - dem erlernten Nichtgebrauch.

 

Das bedeutet nicht, dass jeder Patient gezwungen werden sollte, ausschließlich die betroffene Hand einzusetzen. Es zeigt aber ein wichtiges Prinzip:

 

Benutzung beeinflusst das Nervensystem. Nichtbenutzung ebenfalls. Genau auf diesem Gedanken basiert beispielsweise die Constraint-Induced Movement Therapy, bei der bei geeigneten Patienten der Einsatz der weniger betroffenen Hand zeitweise eingeschränkt wird, damit die betroffene Seite intensiv in funktionelle Aufgaben einbezogen wird.

 

 

„Use it or lose it“ - aber auch „use it and improve it“

 

Vereinfacht lassen sich einige Prinzipien neuroplastischen Lernens sehr anschaulich zusammenfassen. Was regelmäßig genutzt wird, kann sich verbessern. Was dauerhaft nicht genutzt wird, kann an Leistungsfähigkeit verlieren. Was sehr spezifisch trainiert wird, verbessert sich häufig besonders in dieser spezifischen Aufgabe.

 

Und was intensiv, aufmerksam und wiederholt geübt wird, besitzt eine größere Chance, langfristig gelernt zu werden. Das erklärt, warum moderne Neurorehabilitation versucht, möglichst viele sinnvolle aktive Erfahrungen zu erzeugen. Dabei geht es nicht darum, möglichst wahllos tausende Bewegungen auszuführen. Entscheidend ist die Kombination aus:

•  ausreichender Wiederholung,

•  sinnvoller Intensität,

•  persönlicher Relevanz,

•  angemessener Schwierigkeit,

•  sensorischem Feedback,

•  aktiver Problemlösung,

•  Variation

•  und Erholung.

 

 

Das Gehirn besitzt keine unbegrenzte „Reservefestplatte“

 

Auch hier lohnt sich eine etwas nüchternere Sicht. Neuroplastizität bedeutet nicht, dass beliebig große Schädigungen des Nervensystems vollständig kompensiert werden können. Welche Erholung möglich ist, hängt unter anderem davon ab,

•  welche Strukturen geschädigt wurden,

•  wie groß die Schädigung ist,

•  welche Netzwerke erhalten geblieben sind,

•  wie schwer die ursprüngliche Funktionsstörung ausgeprägt ist,

•  wann die Rehabilitation beginnt,

•  wie intensiv und spezifisch trainiert werden kann,

•  welche Begleiterkrankungen bestehen

•  und welche individuellen Voraussetzungen ein Patient mitbringt.

 

Therapie kann vorhandene biologische Möglichkeiten sehr effektiv nutzen. Sie kann jedoch keine beliebige neurologische Schädigung „wegtrainieren“. Gerade deshalb ist es wichtig, Neuroplastizität weder zu unterschätzen noch als therapeutisches Wunderversprechen zu verwenden.

 

 

Das Nervensystem verändert sich auf mehreren Ebenen

 

Wenn wir von Neuroplastizität sprechen, geht es außerdem nicht nur darum, dass plötzlich ein anderer Teil des Gehirns die komplette Aufgabe eines geschädigten Areals übernimmt. Lernen kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden. Bestehende synaptische Verbindungen können stärker oder schwächer werden. Netzwerke können ihre Zusammenarbeit verändern.

 

Sensorische und motorische Informationen können anders gewichtet werden. Verbliebene neuronale Strukturen können effektiver genutzt werden. Und Bewegungsstrategien können durch wiederholtes Training zunehmend automatisiert werden. Das macht auch verständlich, warum sich eine funktionelle Verbesserung nicht immer in einer spektakulären „Neuverschaltung“ des Gehirns ausdrücken muss.

 

Manchmal wird ein vorhandenes System schlicht besser darin, eine Aufgabe zu lösen.

 

 

Muss eine Bewegung perfekt aussehen?

 

Klassische neurophysiologische Behandlungskonzepte beschäftigten sich intensiv mit der sogenannten Bewegungsqualität. Die Vorstellung dahinter ist nachvollziehbar:

 

Wenn ein Patient immer wieder eine ungünstige Bewegung durchführt, könnte er genau diese Strategie lernen und automatisieren. Daraus entstand teilweise der therapeutische Anspruch, pathologische Bewegungsmuster möglichst zu hemmen und physiologische Bewegung anzubahnen. Diese Gedanken finden sich insbesondere in der Geschichte des Bobath-Konzeptes. Heute betrachten wir das differenzierter.

 

Bewegungsqualität ist wichtig - aber sie ist nicht das einzige Ziel. Wenn der Anspruch an eine perfekte Bewegung dazu führt, dass ein Patient während einer Therapiestunde nur wenige aktive Wiederholungen durchführt, kann dies ebenfalls problematisch sein. Motorisches Lernen benötigt Erfahrung. Und Erfahrung entsteht durch Bewegung.

 

Deshalb stehen in der modernen neurologischen Rehabilitation zunehmend Fragen im Vordergrund wie:

 

Kann der Patient eine für ihn relevante Aufgabe durchführen? Wie oft übt er diese Aufgabe? Ist die Aufgabe schwierig genug, um eine Anpassung zu provozieren? Erhält er sinnvolles Feedback? Kann die Schwierigkeit mit zunehmender Leistungsfähigkeit gesteigert werden?

 

Und vor allem:

 

Überträgt sich das Gelernte auf seinen Alltag? Moderne Schlaganfall-Leitlinien empfehlen entsprechend wiederholtes aufgabenspezifisches Training, beispielsweise Greifen, Aufstehen, Gehen oder Treppensteigen. Auch die Intensität der Rehabilitation spielt eine wesentliche Rolle. Das bedeutet nicht, dass Bewegungsqualität bedeutungslos geworden wäre. Es bedeutet vielmehr, dass wir sie nicht isoliert betrachten dürfen.

 

 

Ein alltägliches Beispiel: Der Patient zieht seine Schulter hoch

 

Ein Patient versucht nach einem Schlaganfall, seinen Arm anzuheben. Dabei zieht er gleichzeitig die Schulter deutlich nach oben und bewegt den Oberkörper mit. Man könnte nun versuchen, jede Ausweichbewegung konsequent zu verhindern. Das kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein. Aber angenommen, der Patient benötigt dadurch für zehn saubere Wiederholungen fast eine komplette Therapieeinheit.

 

Dann stellt sich die Frage, ob dies wirklich die beste Nutzung der vorhandenen Trainingszeit ist. Vielleicht wäre es sinnvoller, zunächst ausreichend viele aktive Bewegungen zu ermöglichen, die Aufgabe leichter zu machen, bei Bedarf gezielt Unterstützung zu geben,

 

die Bewegung anschließend schwieriger zu gestalten und erst zunehmend an der Bewegungsqualität zu arbeiten. In manchen Situationen können Kompensationen sogar bewusst akzeptiert werden, wenn sie dem Patienten frühzeitig mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Rehabilitation ist deshalb häufig ein Abwägen zwischen optimaler Bewegung, ausreichender Wiederholung und funktioneller Selbstständigkeit.

 

 

Das Nervensystem lernt Aufgaben - nicht Übungen

 

Hier liegt einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einem reinen Behandlungskonzept und modernem motorischen Lernen. Nehmen wir einen Patienten, der Schwierigkeiten hat, von einem Stuhl aufzustehen. Man kann mit ihm isoliert Beinkraft trainieren. Man kann seine Rumpfkontrolle verbessern. Man kann sensorische Reize setzen.

 

Man kann einzelne Komponenten der Bewegung therapeutisch erleichtern. All das kann sinnvoll sein. Aber irgendwann muss der Patient vor allem eines tun:

 

Aufstehen. Und zwar wiederholt. Von unterschiedlichen Stühlen. Mit unterschiedlichen Ausgangspositionen. Unter verschiedenen Bedingungen.

 

Später vielleicht mit einer Tasche in der Hand oder während er gleichzeitig mit einer anderen Person spricht. Das Nervensystem lernt sehr spezifisch. Wer besser gehen möchte, muss gehen. Wer sicher Treppen steigen möchte, muss Treppen steigen. Wer seine betroffene Hand im Alltag wieder einsetzen möchte, muss mit dieser Hand reale Aufgaben durchführen.

 

Genau deshalb nimmt das aufgabenspezifische Training heute eine so zentrale Stellung in der neurologischen Rehabilitation ein.

 

 

Ein zweites Patientenbeispiel: „Im Therapieraum kann ich es“

 

Das ist eine Situation, die Therapeuten häufig erleben. Ein Patient kann innerhalb der Behandlung zehnmal kontrolliert von einer Therapiebank aufstehen. Zu Hause berichtet er trotzdem:

 

„Aus meinem Sessel komme ich immer noch nicht richtig hoch.“ Das ist zunächst gar nicht überraschend. Die Therapiebank ist möglicherweise höher. Sie besitzt eine andere Polsterung. Der Patient trägt andere Schuhe.

 

Im Therapieraum konzentriert er sich ausschließlich auf die Bewegung. Zu Hause hält er vielleicht gleichzeitig eine Fernbedienung in der Hand, möchte sich anschließend umdrehen oder wird durch etwas anderes abgelenkt. Lernen ist kontextabhängig. Deshalb sollte eine fortgeschrittene Rehabilitation die Bedingungen zunehmend variieren. Nicht nur:

 

Kann der Patient aufstehen? Sondern:

 

Kann er von einem niedrigen Stuhl aufstehen? Von einem weichen Sessel? Ohne Armlehne? Mit einem Gegenstand in der Hand? Und kann er anschließend losgehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren?

 

Genau an diesem Punkt wird aus einer einzelnen Übung eine alltagsrelevante Fähigkeit.

 

 

Wiederholung ist wichtig - aber Wiederholung allein reicht nicht

 

Man könnte daraus schließen:

 

Je mehr Wiederholungen, desto besser. Auch das wäre zu einfach. Hundert gedankenlose Wiederholungen einer Aufgabe sind nicht automatisch besser als fünfzig Wiederholungen, bei denen der Patient aufmerksam arbeitet, Fehler erkennt und seine Bewegung anpasst. Motorisches Lernen benötigt eine geeignete Kombination aus:

•  Wiederholung,

•  ausreichender Intensität,

•  Aufmerksamkeit,

•  Feedback,

•  angemessener Schwierigkeit,

•  Motivation,

•  Variation

•  und persönlicher Bedeutung der Aufgabe.

 

Eine Aufgabe sollte also weder so schwierig sein, dass sie praktisch nicht lösbar ist, noch so einfach, dass keinerlei Anpassung mehr notwendig wird. Das Nervensystem benötigt einen Grund, sich anzupassen.

 

 

Fehler sind dabei nicht grundsätzlich schlecht

 

Das ist ebenfalls ein interessanter Unterschied zu manchen traditionellen Vorstellungen. Ein Patient muss während des motorischen Lernens nicht jede Bewegung von Anfang an fehlerfrei durchführen. Fehler können wichtige Informationen liefern. Das Nervensystem vergleicht vereinfacht gesagt das erwartete Ergebnis einer Bewegung mit dem tatsächlichen Ergebnis und kann die folgende Bewegung entsprechend anpassen.

 

Der Patient greift zunächst fünf Zentimeter an der Tasse vorbei. Beim nächsten Versuch korrigiert er. Nach mehreren Versuchen wird die Bewegung präziser. Ein Therapeut muss deshalb nicht jede Abweichung sofort mit den Händen korrigieren. Manchmal ist es therapeutisch wertvoller, dem Patienten die Möglichkeit zu geben, einen Fehler selbst wahrzunehmen und eine Lösung zu finden.

 

Natürlich hat dieses Prinzip Grenzen. Bei Sturzgefahr, Schmerzen oder potentiell schädlichen Bewegungen muss der Therapeut eingreifen. Aber:

 

Nicht jeder Fehler ist ein Therapiefehler. Manche Fehler sind Teil des Lernprozesses.

 

 

Moderne Neurorehabilitation erweitert den Werkzeugkasten

 

An dieser Stelle wird deutlich, warum moderne neurologische Physiotherapie wesentlich mehr umfasst als eine einzelne Behandlungsmethode. Je nach Patient können heute sehr unterschiedliche Verfahren eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise:

•  aufgabenspezifisches Training,

•  progressives Krafttraining,

•  Ausdauertraining,

•  intensives Gehtraining,

•  Gleichgewichts- und Perturbationstraining,

•  Constraint-Induced Movement Therapy,

•  Spiegeltherapie,

•  funktionelle Elektrostimulation,

•  Laufbandtraining,

•  robotikgestütztes Training,

•  virtuelle Realität,

•  mentales Bewegungstraining

•  oder Dual-Task-Training.

 

Nicht jede dieser Methoden ist für jeden Patienten geeignet. Und keine einzelne Technologie ersetzt die eigentliche Rehabilitation. Viele moderne Verfahren verfolgen letztlich dasselbe Ziel:

 

Sie ermöglichen mehr relevante, intensive und zielgerichtete Übung. Ein Laufband ist beispielsweise nicht deshalb interessant, weil ein Laufband das Gehirn „aktiviert“. Es kann interessant sein, weil ein Patient damit unter bestimmten Voraussetzungen wesentlich mehr Schritte durchführen kann. Ein Therapieroboter ist nicht automatisch besser als ein Therapeut.

 

Er kann aber helfen, sehr viele kontrollierte Bewegungswiederholungen zu ermöglichen. Virtuelle Realität ist nicht aufgrund eines Bildschirms therapeutisch wirksam. Sie kann interessant sein, wenn sie Motivation, Feedback und Trainingsmenge erhöht. Diese Unterscheidung ist wichtig. Die Technik ist das Werkzeug. Das Lernen bleibt die eigentliche Therapie.

 

 

Auch Kraft und Ausdauer gehören zur Neurorehabilitation

 

Ein weiteres Relikt älterer Vorstellungen ist die teilweise noch bestehende Trennung zwischen „neurologischem Training“ und klassischem körperlichem Training. Ein neurologischer Patient besitzt jedoch weiterhin Muskeln, Herz, Kreislauf und Stoffwechsel. Nach Wochen oder Monaten reduzierter Aktivität entstehen häufig zusätzlich zur eigentlichen neurologischen Schädigung:

•  Muskelschwäche,

•  reduzierte Belastbarkeit,

•  schlechtere kardiovaskuläre Fitness,

•  geringere Bewegungsgeschwindigkeit

•  und zunehmende Unsicherheit.

 

Diese sekundären Veränderungen können die funktionelle Einschränkung weiter verstärken. Deshalb gehört modernes Kraft- und Ausdauertraining - individuell angepasst - heute selbstverständlich in viele neurorehabilitative Programme. Auch Krafttraining kann wiederum funktionelles Lernen unterstützen:

 

Wer mehr Beinkraft besitzt, kann häufiger aufstehen. Wer länger belastbar ist, kann mehr Schritte trainieren. Wer weniger schnell ermüdet, kann mehr qualitativ hochwertige Wiederholungen durchführen. Damit greifen klassisches Training und Neuroplastizität unmittelbar ineinander.

 

 

Der Therapeut verändert seine Rolle

 

Damit verändert sich auch das Verständnis davon, was gute neurologische Physiotherapie eigentlich leisten soll. Der Therapeut ist nicht derjenige, der durch seine Hände eine verlorene Bewegung „herstellt“. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen der Patient möglichst effektiv lernen kann. Manchmal bedeutet das manuelle Unterstützung. Manchmal Widerstand.

 

Manchmal einen sensorischen Reiz. Manchmal Krafttraining. Manchmal tausend Schritte. Manchmal eine Veränderung der Umgebung. Und manchmal bedeutet gute Therapie auch, weniger zu helfen und dem Patienten die Möglichkeit zu geben, selbst eine Lösung zu finden.

 

Die therapeutischen Hände können also ein wertvolles Werkzeug sein. Sie sind aber nicht die Therapie an sich.

 

 

Ein guter Therapeut dosiert nicht nur Belastung - sondern Lernen

 

Vielleicht lässt sich moderne neurologische Physiotherapie deshalb mit einer etwas anderen Frage betrachten. Nicht:

 

Welche Technik wende ich heute an? Sondern:

 

Was soll das Nervensystem dieses Patienten heute lernen? Danach folgen weitere Fragen:

 

Welche Aufgabe ist dafür geeignet? Wie schwierig muss sie sein? Wie viel Unterstützung benötigt der Patient? Wie viele Wiederholungen sind möglich? Wann gebe ich Feedback?

 

Wann sollte ich ihn selbst ausprobieren lassen? Wie kann ich die Aufgabe steigern? Und wie sorgen wir dafür, dass das Gelernte außerhalb des Therapieraumes eingesetzt wird? Damit wird der Therapeut zunehmend zum Gestalter von Lernbedingungen.

 

 

Und wo bleiben Bobath und PNF?

 

Damit kommen wir zu einer interessanten Frage. Wenn moderne Neurorehabilitation heute so stark über motorisches Lernen, Neuroplastizität, Wiederholung und aufgabenspezifisches Training gedacht wird:

 

Sind klassische neurophysiologische Konzepte wie Bobath und PNF damit überholt? Die Antwort ist nicht einfach Ja oder Nein. Viele Beobachtungen und therapeutische Werkzeuge dieser Konzepte können weiterhin sinnvoll sein. Gleichzeitig konnten einige der ursprünglichen theoretischen Vorstellungen wissenschaftlich nicht in der Form bestätigt werden, wie man es früher angenommen hatte.

 

Besonders interessant ist dabei Bobath: Systematische Übersichtsarbeiten zeigen bislang keine Überlegenheit des Bobath-Konzeptes gegenüber anderen Behandlungsansätzen nach Schlaganfall. PNF wiederum nutzt unter anderem Widerstand, propriozeptive Information und komplexe Bewegungsmuster - Prinzipien, die durchaus mit modernen Vorstellungen von motorischem Lernen vereinbar sein können.

 

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht gar nicht:

 

„Welches Konzept ist das beste?“ Sondern:

 

„Welche Bestandteile eines Konzeptes helfen diesem Patienten dabei, eine für ihn relevante Funktion möglichst effektiv wiederzuerlernen?“ Genau dieser Frage widmen wir uns im zweiten Teil.

 

 

Im nächsten Teil

 

Bobath, PNF, Vojta & Co. - was ist von den klassischen neurophysiologischen Konzepten geblieben?

 

Wir betrachten:

•  das Bobath-Konzept,

•  PNF - Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation,

•  Vojta,

•  historische Ansätze wie Brunnstrom und Rood,

•  sowie weitere sensorisch-kognitive Konzepte.

 

Dabei geht es nicht darum, einzelne Behandlungsschulen gegeneinander auszuspielen. Wir schauen uns vielmehr an:

 

Was war die ursprüngliche Idee? Was davon ist neurophysiologisch plausibel? Was zeigt die wissenschaftliche Evidenz? Und:

 

Was davon würde ich heute noch in einer modernen neurologischen Physiotherapie einsetzen?

 

 

Quellenhinweise für die Redaktion

 

•  NICE Guideline NG236: Stroke rehabilitation in adults, 2023/aktuell.

•  Kleynen M et al.: The Bobath concept in contemporary clinical practice.

•  Literatur zu motorischem Lernen und Neuroplastizität nach Schlaganfall, u. a. aktuelle Reviews in PubMed. Ihr Team der Praxis Stahl

 
 

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