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Alkohol – Entspannung für den Kopf, Stress für den Körper? Was Alkohol mit Leber, Fettstoffwechsel, Cholesterin, Schlaf, Schmerzen, Faszien, Muskeln und Gehirn macht

14. Okt.
12 Min. Lesezeit



  

Ein Glas Wein zum Essen. Ein Bier nach der Arbeit. Der Sekt zum Geburtstag.

 

Alkohol gehört für viele Menschen so selbstverständlich zum Alltag, dass häufig nicht derjenige erklären muss, warum er trinkt – sondern derjenige, der nichts trinken möchte.

 

Gleichzeitig halten sich rund um Alkohol erstaunlich viele Gesundheitsmythen:

 

„Ein Glas Rotwein ist gut fürs Herz.“*

 

„Alkohol erhöht das gute Cholesterin.“*

 

„Mit einem Glas Wein schlafe ich besser.“*

 

„Ein Bier nach dem Sport ist doch eigentlich isotonisch.“*

 

Und natürlich der Klassiker:

 

„Die Dosis macht das Gift.“*

 

Der letzte Satz ist grundsätzlich richtig. Ein Glas Wein im Monat ist gesundheitlich selbstverständlich etwas anderes als eine Flasche Wein am Abend.

 

Trotzdem hat sich die wissenschaftliche Bewertung von Alkohol in den letzten Jahren deutlich verändert. Eine gesundheitlich sichere und gleichzeitig gesundheitsfördernde Alkoholmenge lässt sich nicht definieren. Wer keinen Alkohol trinkt, hat aus gesundheitlicher Sicht keinen Grund, damit anzufangen.

 

Das bedeutet nicht, dass jedes Glas Wein eine gesundheitliche Katastrophe darstellt.

 

Es bedeutet etwas wesentlich Einfacheres:

 

Alkohol ist ein Genussmittel – kein Gesundheitsmittel.*

 

Und wenn wir verstehen, was nach einem Glas Bier oder Wein tatsächlich im Körper passiert, wird auch klar, warum Alkohol für eine physiotherapeutische oder osteopathische Behandlung viel relevanter sein kann, als man zunächst denkt.

 

Denn Alkohol beeinflusst ausgerechnet viele der Systeme, mit denen wir uns in der Therapie täglich beschäftigen:

 

Schlaf und Regeneration, Schmerzverarbeitung, Muskulatur, Nervensystem, Stoffwechsel und wahrscheinlich auch verschiedene Prozesse der Gewebeheilung.

 

 

Die Leber bekommt plötzlich eine Aufgabe mit Priorität

 

Stellen Sie sich Ihre Leber vereinfacht wie ein großes Stoffwechsellabor vor.

 

Den ganzen Tag verarbeitet sie Fettsäuren, Zucker, Hormone und Medikamente, produziert Eiweiße, speichert Energie und hilft dabei, Stoffe abzubauen.

 

Dann kommt Alkohol.

 

Und Alkohol behandelt der Körper anders als beispielsweise ein Stück Kartoffel oder ein Stück Fleisch.

 

Ethanol kann der Körper nicht sinnvoll speichern.*

 

Er versucht deshalb, es möglichst zeitnah abzubauen.

 

Vereinfacht gesagt schiebt sich der Alkohol in der Stoffwechsel-Warteschlange ziemlich weit nach vorne.

 

Dabei entsteht zunächst Acetaldehyd* – eine reaktive und toxische Substanz – und anschließend Acetat, das weiterverarbeitet werden kann.

 

Während dieser Alkoholabbau läuft, verändert sich gleichzeitig der normale Fettstoffwechsel der Leber.

 

Beim Alkoholabbau entsteht unter anderem viel NADH. Das ist vereinfacht ein chemisches Signal dafür, dass gerade reichlich Energie verfügbar ist. Dadurch wird die Verbrennung von Fettsäuren gebremst. Gleichzeitig können Prozesse gefördert werden, durch die Fett in der Leber gespeichert wird.

 

Der praktische Punkt ist wichtiger als die Biochemie:

 

Während die Leber Alkohol abbaut, läuft ihre Fettverbrennung nicht einfach unbeeinflusst weiter.

 

Deshalb kann regelmäßiger Alkoholkonsum zur Entstehung einer Fettleber* beitragen.

 

Und dafür muss ein Mensch nicht bereits eine Leberzirrhose haben oder offensichtlich alkoholabhängig sein.

 

Die alkoholbedingte Lebererkrankung beginnt häufig wesentlich unspektakulärer – mit einer vermehrten Einlagerung von Fett in den Leberzellen.

 

 

Warum Alkohol beim Abnehmen gleich an mehreren Stellen stören kann

 

Ein Gramm Alkohol liefert ungefähr 7 Kilokalorien*.

 

Zum Vergleich:

 

Eiweiß und Kohlenhydrate liefern jeweils etwa 4 kcal pro Gramm, Fett etwa 9 kcal.

 

Eine halbe Literflasche Bier mit 5 Prozent Alkohol enthält allein durch den Alkohol ungefähr 140 Kilokalorien. Kohlenhydrate kommen noch dazu.

 

Aber die Kalorien sind nur die halbe Geschichte.

 

Weil der Körper Alkohol bevorzugt abbaut, wird in dieser Zeit weniger Fett oxidiert.

 

Das heißt nicht:

 

„Das Glas Wein wird direkt zu Bauchfett.“*

 

So funktioniert unser Stoffwechsel nicht.

 

Über Wochen und Monate entscheidet weiterhin wesentlich die gesamte Energiebilanz.

 

Aber wer jeden Abend einige hundert zusätzliche Kilokalorien trinkt, gleichzeitig zeitweise weniger Fett verbrennt und nach dem zweiten Glas plötzlich deutlich mehr Lust auf Käse, Chips oder Pizza bekommt, hat gleich mehrere Gründe geschaffen, warum eine Gewichtsreduktion schwieriger werden kann.

 

Und das ist für unsere tägliche therapeutische Arbeit durchaus relevant.

 

Denn Körpergewicht, Muskelmasse, Schlaf und körperliche Aktivität beeinflussen unter anderem die Belastbarkeit bei Kniearthrose, Rückenschmerzen und vielen anderen muskuloskelettalen Beschwerden.

 

 

Und was macht Alkohol mit Cholesterin?

 

Hier wird es besonders spannend, weil ausgerechnet dieser Punkt jahrzehntelang als Argument für* Alkohol verwendet wurde.

 

Vielleicht haben Sie schon einmal gehört:

 

„Ein bisschen Alkohol erhöht das gute HDL-Cholesterin. Deshalb ist Rotwein gut fürs Herz.“*

 

Der erste Teil ist nicht völlig erfunden.

 

Alkoholkonsum kann tatsächlich das HDL-Cholesterin erhöhen. Gleichzeitig können – abhängig von Menge, Stoffwechsellage und Ernährungsweise – auch die Triglyceride* ansteigen.

 

Früher war die Schlussfolgerung ziemlich einfach:

 

HDL hoch = gut.

 

Also müsste Alkohol zumindest teilweise das Herz schützen.

 

Heute wissen wir, dass diese Gleichung zu simpel ist.

 

 

HDL ist nicht einfach das „gute Cholesterin“

 

HDL wird umgangssprachlich als gutes Cholesterin bezeichnet, LDL als schlechtes.

 

Für eine erste Erklärung ist das praktisch.

 

Biologisch ist es allerdings komplizierter.

 

HDL ist eigentlich ein Transportpartikel, das unter anderem Cholesterin transportiert. Ein hoher gemessener HDL-Cholesterinwert bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch besonders gut vor Herzinfarkten geschützt ist.

 

Das zeigen beispielsweise genetische Untersuchungen und Medikamente, die HDL deutlich erhöhen konnten, ohne dadurch automatisch das Herzinfarktrisiko zu senken.

 

Das ist ein schöner Aha-Moment:

 

Ein Laborwert kann sich in die vermeintlich „richtige“ Richtung bewegen, ohne dass die Substanz, die ihn verändert hat, deshalb gesund geworden ist.

 

Noch interessanter sind bei regelmäßigem Alkoholkonsum häufig die Triglyceride.

 

Triglyceride sind vereinfacht gesagt die Speicherform von Fett. Die Leber kann daraus unter anderem VLDL-Partikel bauen und diese ins Blut abgeben.

 

Alkohol greift genau in diese Prozesse ein: Fettverbrennung wird gebremst, Fettneubildung kann gefördert werden und der Umgang der Leber mit Triglyceriden verändert sich.

 

Bei entsprechendem Konsum können deshalb erhöhte Triglyceridwerte auftreten.

 

Dann sehen wir unter Umständen einen Patienten mit:

 

Fettleber,

 

erhöhten Triglyceriden,

 

Bauchfett,

 

Bluthochdruck,

 

schlechterem Schlaf

 

und regelmäßigem Alkoholkonsum.

 

Diese Dinge stehen nicht zwingend unabhängig nebeneinander. Sie können Teil desselben metabolischen Gesamtbildes sein.

 

 

Und LDL?

 

Auch hier sollte man nicht vereinfachen. Alkohol erhöht LDL nicht bei jedem Menschen automatisch. Einzelne Untersuchungen zeigen sogar neutrale oder leicht günstig aussehende Veränderungen bestimmter Blutfette.

 

Nur ist die entscheidende Frage nicht:

 

„Hat sich mein HDL oder LDL nach Rotwein etwas verbessert?“*

 

Sondern:

 

„Bekomme ich dadurch insgesamt weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle, Krebs und andere Erkrankungen?“*

 

Und diese Rechnung sieht wesentlich weniger überzeugend aus.

 

Wenn Sie Ihr kardiovaskuläres Risiko verbessern möchten, gibt es erheblich bessere Strategien als Alkohol:

 

Bewegung, Kraft- und Ausdauertraining, Nichtrauchen, Blutdruckkontrolle, Gewichtsreduktion bei entsprechendem Übergewicht, eine vernünftige Ernährung und bei Bedarf eine gezielte medikamentöse Behandlung erhöhter Blutfette.

 

Niemand benötigt Cabernet Sauvignon als Lipidsenker.*

 

 

„Aber Alkohol macht mich doch müde.“

 

Das stimmt.

 

Und genau darin liegt eines der größten Missverständnisse.

 

Alkohol wirkt zunächst dämpfend auf unser Nervensystem. Deshalb fühlen sich viele Menschen nach einem oder zwei Gläsern entspannter oder schläfriger.

 

Das bedeutet aber nicht, dass Alkohol die Schlafqualität verbessert.

 

 

Einschlafen ist nicht dasselbe wie gut schlafen

 

Schon relativ geringe Alkoholmengen können den REM-Schlaf verändern. Mit höheren Mengen kann man zwar schneller einschlafen, gleichzeitig wird die normale Schlafarchitektur stärker gestört.

 

Typisch ist:

 

Man schläft zunächst erstaunlich schnell ein.

 

Einige Stunden später wird der Schlaf leichter.

 

Man wacht häufiger auf.

 

Die Herzfrequenz bleibt höher.

 

Man schwitzt.

 

Muss zur Toilette.

 

Oder liegt morgens um vier plötzlich hellwach im Bett.

 

Der Satz

 

„Mit einem Glas Wein schlafe ich besser“*

 

bedeutet deshalb häufig eigentlich:

 

„Mit Alkohol schlafe ich schneller ein.“*

 

Das ist physiologisch nicht dasselbe wie erholsamer Schlaf.

 

 

Und genau hier beginnt der physiotherapeutische Teil

 

Warum interessiert mich als Therapeut, ob ein Patient abends regelmäßig Alkohol trinkt?

 

Weil Schlaf einer der wichtigsten Regenerationsfaktoren überhaupt ist.

 

Bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen sehen wir einen deutlichen Zusammenhang zwischen schlechtem Schlaf und Schmerz. Besonders interessant ist, dass schlechter Schlaf nicht nur Folge von Schmerzen sein kann – er kann die Schmerzempfindlichkeit am nächsten Tag selbst erhöhen und die Entwicklung chronischer Beschwerden begünstigen.

 

Ein Patient mit seit Monaten bestehenden Rückenschmerzen kann deshalb:

 

dreimal pro Woche trainieren,

 

seine Übungen sauber durchführen,

 

regelmäßig zur Therapie kommen

 

und trotzdem einen wichtigen Regenerationsfaktor sabotieren, wenn jeden Abend mehrere Gläser Wein dazugehören.

 

Nicht, weil Wein die Bandscheibe „austrocknet“.

 

Sondern weil Schmerz wesentlich mehr ist als nur Gewebe.

 

Schlaf, Nervensystem, Stress, Stimmung, körperliche Aktivität und Regeneration beeinflussen unsere Schmerzverarbeitung erheblich.

 

 

Kann Alkohol Schmerzen lindern?

 

Jetzt wird es interessant.

 

Ja – kurzfristig kann er das tatsächlich.*

 

Experimentelle Untersuchungen zeigen eine messbare schmerzdämpfende Wirkung von Alkohol. Schmerzschwellen können steigen und Schmerzen werden teilweise weniger intensiv wahrgenommen.

 

Der Patient mit Rückenschmerzen merkt also möglicherweise wirklich:

 

„Nach zwei Bier ist mein Rücken entspannter.“*

 

Das muss nicht eingebildet sein.

 

Aber Alkohol hat damit nicht die Bandscheibe behandelt, keinen blockierten Wirbel gelöst und keine Faszien entspannt.

 

Er hat vor allem die Verarbeitung und Wahrnehmung des Schmerzes im Nervensystem verändert.*

 

Und genau daraus kann ein ungünstiger Kreislauf entstehen:

 

Schmerz → Alkohol → kurzfristig weniger Schmerz → schlechterer Schlaf → schlechtere Regeneration → möglicherweise höhere Schmerzempfindlichkeit am nächsten Tag → erneut Alkohol.

 

Für die Therapie ist deshalb nicht nur interessant, wo* jemand Schmerzen hat.

 

Manchmal ist mindestens genauso wichtig:

 

Was macht der Patient, damit er sie abends nicht mehr spürt?*

 

 

Alkohol und Faszien – verklebt das Bindegewebe?

 

Hier begegnet uns der nächste Gesundheitsmythos.

 

Man liest immer wieder:

 

„Alkohol verklebt die Faszien.“*

 

Oder:

 

„Alkohol trocknet das Bindegewebe aus.“*

 

So lässt sich die wissenschaftliche Datenlage nicht darstellen.

 

Es gibt keine überzeugende Humanstudie, die zeigt, dass ein Glas Wein unmittelbar unsere Faszien „verklebt“.

 

Das bedeutet allerdings nicht, dass Alkohol für Bindegewebe vollkommen bedeutungslos ist.

 

Faszien, Sehnen, Bänder und Haut bestehen zu wesentlichen Teilen aus extrazellulärer Matrix, darunter Kollagen. Produziert und organisiert wird diese Matrix unter anderem von Fibroblasten.

 

In Zell- und Tiermodellen kann Ethanol die Funktion von Fibroblasten beeinträchtigen, die Kollagensynthese verändern und die Festigkeit heilenden Gewebes reduzieren. Auch bei experimenteller Sehnenheilung wurden unter hoher Alkoholbelastung ungünstigere biomechanische Eigenschaften beobachtet.

 

Aber daraus darf man nicht einfach behaupten:

 

„Alkohol macht menschliche Faszien kaputt.“*

 

Die sinnvollere Aussage lautet:

 

Alkohol verklebt keine Faszien. Hoher Alkoholkonsum kann aber biologische Prozesse beeinträchtigen, die für Gewebereparatur und Kollagenstoffwechsel wichtig sind.

 

Und genau das ist für Physiotherapie relevant.

 

Wer nach einer Achillessehnenverletzung, einer Operation oder einer Muskelverletzung versucht, Gewebe wieder belastbar zu machen, braucht nicht nur die richtige Übung.

 

Er braucht auch vernünftige Rahmenbedingungen für Regeneration.

 

 

Der Muskel merkt den Alkohol ebenfalls

 

Nach Krafttraining soll im Körper im Idealfall etwas sehr Einfaches passieren:

 

Belastungsreiz → Reparatur → Anpassung.

 

Ein wichtiger Teil davon ist die Muskelproteinsynthese.

 

In einer bekannten kontrollierten Untersuchung erhielten Sportler nach einer sehr intensiven Trainingseinheit eine hohe Alkoholmenge. Selbst wenn gleichzeitig Protein aufgenommen wurde, war die Muskelproteinsynthese deutlich reduziert. Ohne Protein war der Effekt noch stärker.

 

Wichtig: Die dort verwendete Alkoholmenge war hoch. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass ein Bier nach dem Training automatisch ein Viertel des Muskelaufbaus vernichtet.

 

Aber die Richtung ist eindeutig:

 

Alkohol ist kein Recovery-Drink.

 

Auch wenn Bier erstaunlich erfolgreich genau dieses Image bekommen hat.

 

Für Patienten im medizinischen Training gilt deshalb:

 

Wer Kraft wiederaufbauen möchte – etwa nach einer Operation, längerer Immobilisation oder bei Sarkopenie –, sollte Regeneration nicht ausschließlich als Trainingsplan betrachten.

 

Schlaf, Proteinzufuhr, Energiebilanz und Alkohol gehören zum Gesamtbild.

 

 

Warum Alkohol müde machen kann, obwohl er Kalorien liefert

 

Patienten mit regelmäßigem Alkoholkonsum berichten nicht selten über:

 

Müdigkeit,

 

geringe Belastbarkeit,

 

Konzentrationsprobleme,

 

schlechte Regeneration

 

oder das Gefühl, morgens „wie überfahren“ zu sein.

 

Das kann mehrere Ebenen haben.

 

Die offensichtlichste ist der schlechtere Schlaf.

 

Bei höherem und längerfristigem Konsum kommen Veränderungen des Leberstoffwechsels, des Ernährungszustandes und der mitochondrialen Energieproduktion hinzu.

 

Außerdem kann chronisch hoher Alkoholkonsum zu Mangelzuständen beitragen.

 

Besonders wichtig ist dabei Thiamin, also Vitamin B1*.

 

Ein ausgeprägter Thiaminmangel kann das Nervensystem massiv schädigen.

 

Damit wird aus dem vermeintlich harmlosen Thema „Feierabendbier und Müdigkeit“ unter Umständen eine echte medizinische Fragestellung.

 

 

Alkohol und Nerven – wenn Kribbeln nicht von der Wirbelsäule kommt

 

Ein Patient berichtet:

 

„Meine Füße kribbeln.“

 

„Die Zehen sind taub.“

 

„Nachts brennen meine Füße.“

 

Schnell wird an Lendenwirbelsäule, Bandscheiben oder einen „eingeklemmten Nerv“ gedacht.

 

Aber neurologische Beschwerden können vollkommen andere Ursachen besitzen.

 

Chronisch hoher Alkoholkonsum ist eine bekannte mögliche Ursache einer peripheren Polyneuropathie*.

 

Typisch ist eine langsam fortschreitende, meist symmetrische sensible Störung, die zunächst besonders die Füße betrifft.

 

Dabei spielt nicht nur die Ernährung beziehungsweise ein Vitaminmangel eine Rolle. Auch direkte toxische Wirkungen von Alkohol und seinen Stoffwechselprodukten auf periphere Nerven werden diskutiert.

 

Das ist für die Praxis ausgesprochen wichtig:

 

Nicht jedes Kribbeln im Fuß ist eine Bandscheibe.

 

Und nicht jeder brennende Fuß braucht mehr Mobilisation der Lendenwirbelsäule.

 

Eine vernünftige Anamnese gehört deshalb vor jede manuelle Behandlung.

 

 

Alkohol, Gleichgewicht und Stürze

 

Der Bezug zur Physiotherapie wird bei einem weiteren Punkt sehr unmittelbar.

 

Alkohol beeinflusst Reaktionszeit, Koordination und Gleichgewicht bereits akut.

 

Bei älteren Menschen können zusätzlich Medikamente, geringere Muskelkraft, Sehprobleme oder neurologische Erkrankungen hinzukommen.

 

Dann kann der abendliche Alkoholkonsum nicht nur Schlaf und Regeneration beeinflussen, sondern ganz banal das Sturzrisiko* erhöhen.

 

Gerade bei Patienten, die wegen Gangunsicherheit, Osteoporose oder nach einem Sturz zu uns kommen, gehört Alkohol deshalb durchaus zur relevanten Anamnese.

 

Nicht als moralische Frage.

 

Sondern als Risikofaktor.

 

 

Alkohol und Gehirn – schützt das Glas Rotwein vor Demenz?

 

Damit kommen wir zu einem der hartnäckigsten Mythen.

 

Jahrzehntelang zeigten Beobachtungsstudien häufig eine sogenannte J-förmige Kurve:

 

Abstinenzler hatten scheinbar etwas mehr Demenz.

 

Menschen mit wenig Alkohol etwas weniger.

 

Starke Trinker wieder deutlich mehr.

 

Daraus entstand schnell:

 

„Ein Glas Rotwein schützt das Gehirn.“*

 

So einfach ist es nicht.

 

Beobachtungsstudien haben hier ein großes Problem.

 

Zur Gruppe der Abstinenzler gehören teilweise ehemalige Trinker, die wegen Erkrankungen aufgehört haben.

 

Menschen, die gelegentlich Wein trinken, unterscheiden sich gleichzeitig häufig bei Bildung, Einkommen, Ernährung, Bewegung und medizinischer Versorgung.

 

Solche Faktoren lassen sich statistisch nie vollständig entfernen.

 

Was dagegen gut belegt ist:

 

Chronisch hoher Alkoholkonsum schädigt das Gehirn.*

 

Er kann mit Veränderungen von grauer und weißer Substanz, kognitiven Einschränkungen, Gefäßschäden und Mangelzuständen einhergehen.

 

Bei ausgeprägtem Thiaminmangel kann das Wernicke-Korsakoff-Syndrom entstehen – eine schwere neurologische Erkrankung mit unter anderem Gedächtnisstörungen.

 

Die spannende Frage ist also nicht, ob viel Alkohol schadet. Das tut er.

 

Die offene Frage lautet eher, ob kleine Mengen tatsächlich schützen.

 

Und für diesen Schutz gibt es heute keinen überzeugenden Grund, Alkohol als Präventionsmaßnahme zu empfehlen.

 

 

„Aber Rotwein ist doch gesund fürs Herz?“

 

Der wahrscheinlich berühmteste Alkoholmythos überhaupt.

 

Rotwein enthält tatsächlich Polyphenole wie Resveratrol.

 

Diese Pflanzenstoffe besitzen biologisch interessante Eigenschaften.

 

Nur folgt daraus nicht:

 

Ethanol wird gesund, weil daneben Resveratrol schwimmt.

 

Polyphenole findet man auch in Trauben, Beeren, Nüssen und vielen anderen pflanzlichen Lebensmitteln.

 

Dafür braucht niemand Alkohol.

 

Ein Teil des vermeintlichen Herzschutzes moderater Weintrinker stammt wahrscheinlich aus Beobachtungsstudien, in denen der gesamte Lebensstil nur unvollständig berücksichtigt werden konnte.

 

Genetische Untersuchungen, die einen Teil dieser Verzerrungen umgehen sollen, haben den vermeintlichen Schutz moderaten Alkoholkonsums zusätzlich infrage gestellt.

 

Deshalb wäre meine Empfehlung niemals:

 

„Trinken Sie Rotwein für Ihr Herz.“*

 

Wenn Rotwein etwas Gesundes enthält, können wir auch das Gesunde nehmen und den Alkohol weglassen.

 

 

Und Krebs?

 

Dieser Punkt wird beim Thema Alkohol erstaunlich häufig vergessen.

 

Alkoholische Getränke sind als krebserregend für Menschen* eingestuft.

 

Das bedeutet nicht, dass ein Glas Wein dasselbe individuelle Risiko besitzt wie eine Zigarette oder eine starke berufliche Schadstoffexposition.

 

Die Einstufung bedeutet:

 

Es ist wissenschaftlich gesichert, dass Alkohol beim Menschen Krebs verursachen kann.

 

Ein Zusammenhang besteht unter anderem mit Tumorerkrankungen von Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, Dick- und Enddarm sowie der weiblichen Brust.

 

Dabei spielt unter anderem Acetaldehyd eine Rolle – also genau die Substanz, die beim Alkoholabbau zunächst entsteht.

 

Auch hier gilt:

 

Risiko ist dosisabhängig.*

 

Ein Glas Wein im Monat ist etwas anderes als täglicher Konsum.

 

Aber die Vorstellung, kleine Mengen seien aktiv gesundheitsfördernd, lässt sich daraus eben nicht ableiten.

 

 

Was frage ich meine Patienten?

 

Nicht nur:

 

„Trinken Sie Alkohol – ja oder nein?“*

 

Sondern eher:

 

Wie häufig?

 

Wie viel?

 

Warum?

 

Und wann?

 

Ein Glas Wein zweimal im Monat beim Essen ist eine vollkommen andere Situation als drei Bier jeden Abend, weil man sonst nicht herunterkommt oder nicht einschlafen kann.

 

Besonders aufmerksam werde ich, wenn Patienten sagen:

 

„Ich brauche es zum Schlafen.“*

 

„Dann spüre ich meinen Rücken weniger.“*

 

„Ohne mein Feierabendbier kann ich nicht abschalten.“*

 

Denn dann erfüllt der Alkohol bereits eine Funktion.

 

Er wird Schlafmittel.

 

Schmerzmittel.

 

Oder Stressmedikament.

 

Und genau das ist langfristig wesentlich relevanter als die Diskussion, ob Cabernet mehr Polyphenole enthält als Merlot.

 

 

Ein Beispiel aus der physiotherapeutischen Praxis

 

Stellen Sie sich einen Patienten mit chronischen Achillessehnenschmerzen vor.

 

Er macht sein Krafttraining konsequent.

 

Seine Belastungssteuerung stimmt.

 

Er bekommt ausreichend Protein.

 

Trotzdem ist er morgens ständig müde, die Sehne reagiert wechselhaft und die Trainingsleistung stagniert.

 

Erst in der Anamnese stellt sich heraus:

 

Jeden Abend gibt es zwei bis drei Gläser Wein.

 

Dann ist Alkohol vielleicht nicht die alleinige Ursache seiner Tendinopathie*.

 

Aber er kann gleichzeitig:

 

den Schlaf verschlechtern,

 

die Trainingsregeneration beeinflussen,

 

zusätzliche Energie liefern,

 

die Muskelanpassung ungünstig beeinflussen

 

und möglicherweise Prozesse der Gewebereparatur stören.

 

In moderner Physiotherapie geht es deshalb nicht darum, an einer schmerzhaften Sehne möglichst lange herumzudrücken.

 

Wir versuchen herauszufinden:

 

Welche Faktoren beeinflussen die Belastbarkeit dieses Menschen?*

 

Und Alkohol kann einer davon sein.

 

 

Was passiert, wenn man einmal einige Wochen darauf verzichtet?

 

Das ist vielleicht das einfachste Experiment überhaupt.

 

Nicht, weil vier alkoholfreie Wochen den Körper „entgiften“.

 

Ihre Leber entgiftet ohnehin jeden Tag.

 

Sondern weil man einen wichtigen Störfaktor für eine gewisse Zeit entfernt.

 

Beobachten Sie zum Beispiel:

 

Wie schlafe ich?

 

Wie häufig wache ich nachts auf?

 

Wie ist meine Energie morgens?

 

Wie hoch ist mein Ruhepuls?

 

Wie fühlt sich mein Training an?

 

Wie stark sind meine Beschwerden am nächsten Morgen?

 

Wie verändert sich mein Gewicht?

 

Und vielleicht die interessanteste Frage:

 

Wie schwer fällt es mir eigentlich, nichts zu trinken?

 

Manchmal liefert diese letzte Frage mehr Informationen als jeder Laborwert.

 

 

Fazit

 

Alkohol ist ein gutes Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Gewohnheit unsere Wahrnehmung verändert.

 

Alkohol kann kurzfristig entspannen.

 

Er kann Schmerzen kurzfristig dämpfen.

 

Er kann das Einschlafen erleichtern.

 

Und einzelne Laborwerte können sich unter bestimmten Umständen sogar vermeintlich günstig verändern.

 

Aber kurzfristiger Effekt und langfristiger gesundheitlicher Nutzen sind zwei verschiedene Dinge.

 

Für unsere therapeutische Arbeit ist Alkohol deshalb relevant, weil er gleichzeitig viele Systeme beeinflusst, die darüber entscheiden, wie gut ein Patient belastbar ist und regeneriert:

 

Schlaf, Nervensystem, Muskulatur, Stoffwechsel, Schmerzverarbeitung und wahrscheinlich auch verschiedene Prozesse der Gewebereparatur.*

 

Nicht jeder Mensch mit Rückenschmerzen muss deshalb abstinent leben.

 

Und nicht jedes Glas Wein ist eine medizinische Katastrophe.

 

Aber der Satz

 

„Ein bisschen Alkohol ist gesund“*

 

lässt sich nach heutiger Datenlage kaum noch verteidigen.

 

Die sinnvollere Formulierung wäre:

 

Wenn Sie Alkohol genießen möchten, betrachten Sie ihn als Genussmittel – nicht als Gesundheitsprodukt.

 

Denn Rotwein ist kein Herzmedikament.

 

Bier kein Regenerationsgetränk.

 

Und Alkohol kein Schlaf- oder Schmerzmittel.

 

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Untersuchung oder Beratung. Bei regelmäßig hohem Alkoholkonsum oder dem Verdacht auf eine Abhängigkeit sollte Alkohol nicht ohne Weiteres abrupt abgesetzt werden, da ein Entzug medizinisch relevant sein kann. In solchen Fällen ist ärztliche Begleitung sinnvoll.

 

 

Quellen

 

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Alkohol – Positionspapier und aktuelle Empfehlungen https://www.dge.de/wissenschaft/stellungnahmen-und-positionspapiere/positionen/alcohol/

 

World Health Organization / WHO Europe: Alcohol and cancer https://www.who.int/europe/news-room/fact-sheets/item/alcohol-and-cancer

 

Jeon S, Carr R: Alcohol effects on hepatic lipid metabolism https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32029510/

 

Gardiner C et al.: The effect of alcohol on subsequent sleep in healthy adults – systematic review and meta-analysis https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39631226/

 

Parr EB et al.: Alcohol ingestion impairs maximal post-exercise rates of myofibrillar protein synthesis https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24533082/

 

Thompson T et al.: Analgesic effects of alcohol – systematic review and meta-analysis https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27919773/

 

Julian T et al.: Alcohol-related peripheral neuropathy – systematic review and meta-analysis https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30467601/

 

Hijlkema A et al.: Nutrition and tendinopathy – systematic review https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35937777/

 

Radek KA et al.: Alcohol and tissue repair / collagen-related wound healing mechanisms https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20958333/

 

Topiwala A et al.: Moderate alcohol consumption as risk factor for adverse brain outcomes and cognitive decline https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28588063/

 

Holmes MV et al.: Association between alcohol and cardiovascular disease – Mendelian randomisation analysis https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25011450/

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