Magnesium – Wundermittel gegen Krämpfe, Stress und schlechten Schlaf?

Was Magnesium wirklich kann, wann eine Ergänzung sinnvoll ist – und warum nicht jedes teure Präparat automatisch besser ist
Magnesium gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten Nahrungsergänzungsmitteln überhaupt. Wadenkrampf? Magnesium. Schlechter Schlaf? Magnesium. Viel Stress? Magnesium. Sport? Natürlich ebenfalls Magnesium.
Ganz falsch ist dieser Gedanke nicht. Magnesium ist tatsächlich ein lebensnotwendiger Mineralstoff und spielt in unserem Körper eine erstaunlich große Rolle. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung spricht inzwischen von mehr als 600 magnesiumabhängigen Enzymen. Magnesium ist unter anderem am Energiestoffwechsel, an der Reizübertragung von Nerven, der Muskelkontraktion, dem Knochenstoffwechsel und der Regulation anderer Elektrolyte beteiligt.
Das Problem beginnt an einer anderen Stelle: Aus „Magnesium ist wichtig“ wird sehr schnell „zusätzliches Magnesium hilft gegen meine Beschwerden“. Und genau das stimmt eben nicht automatisch.
In diesem Beitrag möchte ich deshalb nicht einfach verschiedene Magnesiumsorten aufzählen, sondern ein paar Fragen beantworten, die mir in der Praxis tatsächlich immer wieder begegnen: Hilft Magnesium wirklich gegen Muskelkrämpfe? Verbessert es den Schlaf? Macht Stress einen Magnesiummangel wahrscheinlicher? Was ist bei Kindern oder in der Schwangerschaft zu beachten? Und woran erkennt man eigentlich ein hochwertiges Präparat?
Magnesium im Körper – und warum ein normaler Blutwert nicht alles sagt
Ein erwachsener Mensch enthält ungefähr 25 Gramm Magnesium. Der größte Teil befindet sich in Knochen, Muskeln und anderen Geweben. Weniger als ein Prozent des gesamten Magnesiums zirkuliert im Blut. Das ist wichtig, wenn ein Patient sagt: „Mein Magnesiumwert im Blut war normal, also kann ich keinen Mangel haben.“ So einfach ist es nicht.
Der Serumwert ist sinnvoll und ein deutlich erniedrigter Wert sollte ernst genommen werden. Er bildet den gesamten Magnesiumbestand des Körpers aber nur eingeschränkt ab, weil der Körper die Konzentration im Blut relativ eng reguliert. Umgekehrt bedeutet das allerdings auch nicht, dass jeder Mensch mit einem normalen Serumwert einen „versteckten Magnesiummangel“ hat. Für die Beurteilung gehören Laborwert, Ernährung, Medikamente, Erkrankungen und Beschwerden zusammen. Einen perfekten einzelnen Magnesiumtest gibt es nicht.
Als grobe Orientierung nennt die DGE für Erwachsene etwa 350 mg Magnesium täglich für Männer und 300 mg für Frauen. Gute Quellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Kerne, grünes Gemüse und auch magnesiumreiche Mineralwässer.
Ein ausgeprägter Mangel allein durch eine normale Mischkost ist bei gesunden Menschen eher selten. Interessanter wird das Thema bei chronischen Magen-Darm-Erkrankungen, länger anhaltenden Durchfällen, Alkoholabhängigkeit, höherem Alter oder bestimmten Medikamenten.
Muskelkrämpfe – der wohl bekannteste Magnesium-Mythos
Kaum jemand bekommt einen Wadenkrampf, ohne irgendwann den Rat zu hören: „Du brauchst Magnesium.“ Ein echter Magnesiummangel kann selbstverständlich Muskelkrämpfe verursachen. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Muskelkrampf durch einen Magnesiummangel entsteht.
Bei wiederkehrenden nächtlichen Muskelkrämpfen älterer Erwachsener konnte Magnesium in kontrollierten Studien keinen überzeugenden klinischen Vorteil gegenüber Placebo zeigen. Auch eine Cochrane-Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass bei dieser Patientengruppe wahrscheinlich kein relevanter Nutzen zu erwarten ist.
Bei sportbedingten Krämpfen wird es noch interessanter. Lange Zeit galt die einfache Erklärung: viel Schwitzen → Elektrolyte gehen verloren → der Muskel krampft.
Heute wissen wir, dass belastungsabhängige Muskelkrämpfe wesentlich komplexer sind. Untersuchungen sprechen dafür, dass lokale muskuläre Ermüdung und eine veränderte neuromuskuläre Steuerung eine wichtige Rolle spielen können. Das erklärt auch etwas, das viele Sportler kennen: Nicht der ganze Körper krampft, sondern häufig immer wieder derselbe stark belastete Muskel.
Wenn beim Laufen beispielsweise regelmäßig die rechte Wade nach einer bestimmten Zeit dichtmacht, während Kreislauf und Atmung noch problemlos funktionieren, lohnt sich deshalb ein Blick auf lokale Kraft, Ermüdungsresistenz, Trainingsumfang, Lauftechnik und Belastungssteigerung – und nicht nur auf die Magnesiumdose im Küchenschrank.
Ein weiterer Hinweis: Ein akuter Krampf lässt sich häufig durch vorsichtiges Dehnen relativ schnell lösen. Der Magnesiumgehalt im Körper verändert sich dadurch natürlich nicht innerhalb von Sekunden. Auch das zeigt, dass die Ursache nicht immer einfach „zu wenig Elektrolyte“ sein kann.
Magnesium und Schlaf – plausibel, aber kein Schlafmittel
Magnesium spielt eine Rolle bei der Funktion unseres Nervensystems. Deshalb ist die Idee, Magnesium könne Entspannung und Schlaf unterstützen, biologisch durchaus nachvollziehbar. Die klinische Datenlage ist aber weniger spektakulär als die Werbung vieler Produkte.
Beobachtungsstudien finden Zusammenhänge zwischen Magnesiumversorgung und Schlafqualität. Kontrollierte Interventionsstudien liefern dagegen teilweise widersprüchliche Ergebnisse. Eine Metaanalyse bei älteren Menschen mit Schlafproblemen fand zwar eine im Durchschnitt ungefähr 17 Minuten kürzere Einschlafzeit unter Magnesium. Allerdings beruhte dieses Ergebnis nur auf wenigen kleinen Studien und die Qualität der Evidenz wurde als niedrig bis sehr niedrig bewertet.
Das bedeutet nicht, dass Magnesium niemals hilft. Ein Mensch mit niedriger Magnesiumzufuhr oder tatsächlichem Mangel kann durchaus profitieren. Nur sollte man aus einem möglichen kleinen Effekt keine Wunderwirkung machen.
Bei chronischen Schlafproblemen sind Faktoren wie Schlafrhythmus, Stress, Alkohol, Koffein am späten Tag, Licht und Bildschirmnutzung, Bewegungsmangel, Medikamente oder auch eine Schlafapnoe meistens mindestens genauso wichtig.
Ist Magnesiumbisglycinat wirklich das „Schlaf-Magnesium“?
Magnesiumbisglycinat wird häufig für den Abend beworben, weil Magnesium an die Aminosäure Glycin gebunden ist. Die Verbindung ist für viele Menschen gut verträglich und verursacht oft weniger Magen-Darm-Beschwerden als andere Magnesiumsalze.
Dass Bisglycinat aber klinisch eindeutig besser gegen Schlafprobleme wirkt als andere gut verfügbare Magnesiumformen, ist bisher deutlich schlechter belegt, als es manche Produktbeschreibung vermuten lässt.
Wer es gut verträgt und subjektiv damit besser schläft, kann es selbstverständlich abends verwenden. Nur sollte aus einer plausiblen Idee keine vermeintlich gesicherte Therapie werden.
Stress, Schule und Magnesium bei Kindern und Jugendlichen
Gerade bei Kindern und Jugendlichen kommt häufig vieles gleichzeitig zusammen: Wachstum, Sport, Schule, wenig Schlaf und manchmal eine ziemlich einseitige Ernährung.
Die Magnesiumzufuhr steigt mit dem Alter deutlich an. Die DGE nennt beispielsweise etwa 240 mg pro Tag für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren und bei Jugendlichen – abhängig von Alter und Geschlecht – bis zu etwa 330 mg täglich. Aber auch hier gilt: Schulstress allein ist keine Indikation für hoch dosierte Magnesiumpräparate.
Für eine generelle Verbesserung von Konzentration, schulischer Leistungsfähigkeit oder Stressresistenz bei ausreichend versorgten Kindern gibt es keine überzeugende Grundlage, Magnesium pauschal zu supplementieren. Viel wichtiger ist zuerst die banale Frage: Wie sieht die Ernährung überhaupt aus?
Ein Schüler, der morgens nichts isst, mittags hauptsächlich stark verarbeitete Lebensmittel bekommt, kaum Nüsse, Vollkornprodukte oder Gemüse isst und regelmäßig Energydrinks trinkt, kann durchaus eine ungünstige Mikronährstoffzufuhr haben. Dann sollte aber nicht nur ein einzelner Mineralstoff betrachtet werden.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist zudem darauf hin, dass Nahrungsergänzungsmittel für Kinder keineswegs automatisch harmlos sind. In Marktchecks lagen die Mengen einzelner Vitamine und Mineralstoffe bei vielen speziell für Kinder beworbenen Produkten bereits über den altersabhängigen Referenzwerten.
Bei anhaltender Müdigkeit, Konzentrationsproblemen oder Schlafstörungen bei Kindern würde ich deshalb nicht einfach „auf Verdacht“ immer höher dosieren, sondern Ernährung, Schlaf, Stressbelastung und – wenn notwendig – medizinische Ursachen sinnvoll einordnen lassen.
Schwangerschaft – ein besonders interessantes Thema
Viele Schwangere nehmen Magnesium, häufig wegen nächtlicher Wadenkrämpfe. Überraschend ist zunächst: Die DGE nennt für Schwangere einen Schätzwert von 300 mg Magnesium pro Tag. Der Referenzwert liegt damit nicht grundsätzlich höher als bei erwachsenen Frauen außerhalb einer Schwangerschaft.
Bei schwangerschaftsbedingten Muskelkrämpfen gibt es Hinweise auf einen möglichen Nutzen einer Magnesiumsupplementierung, die Studienlage ist allerdings nicht eindeutig. Sehr spannend ist eine andere Tatsache: Magnesium kann in der Geburtshilfe tatsächlich ein extrem wichtiges Medikament sein.
Bei schwerer Präeklampsie beziehungsweise Eklampsie wird Magnesiumsulfat intravenös eingesetzt, um Krampfanfälle zu verhindern oder zu behandeln. Die WHO beschreibt hier eine Reduktion des Eklampsierisikos um mehr als die Hälfte. Auch bei drohender sehr früher Frühgeburt kann Magnesiumsulfat unter bestimmten Umständen zur fetalen Neuroprotektion eingesetzt werden.
Das ist allerdings etwas völlig anderes als die Magnesiumkapsel aus der Drogerie. Aus der lebensrettenden Wirkung von Magnesiumsulfat in der klinischen Geburtshilfe lässt sich kein Nutzen einer routinemäßigen hoch dosierten oralen Magnesiumeinnahme zur Verhinderung einer Präeklampsie ableiten. NICE empfiehlt Magnesium ausdrücklich nicht allein zu diesem Zweck.
Oder kurz gesagt:
Magnesium kann in der Schwangerschaft ein wichtiges Medikament sein – aber dadurch wird nicht automatisch jedes Magnesiumpräparat zum Schwangerschaftsmedikament.
Kaffee als „Magnesiumräuber“ – stimmt das überhaupt?
Dieser Satz hält sich erstaunlich hartnäckig. Koffein kann kurzfristig die Ausscheidung von Magnesium über die Niere erhöhen. Dieser Effekt wurde in kontrollierten Untersuchungen tatsächlich gemessen.
Daraus aber abzuleiten, dass normaler Kaffeekonsum zwangsläufig einen Magnesiummangel verursacht, geht zu weit. Bei ausreichender Ernährung dürfte dieser Effekt für die meisten gesunden Menschen relativ klein sein. Andere Faktoren sind wesentlich interessanter.
Ein hoher und regelmäßiger Alkoholkonsum kann den Magnesiumhaushalt deutlich ungünstiger beeinflussen. Ebenso relevant sind bestimmte Medikamente.
Medikamente, die den Magnesiumhaushalt beeinflussen
Langfristig eingenommene Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol oder Pantoprazol können bei einem Teil der Patienten eine Hypomagnesiämie begünstigen. Das ist gerade deshalb wichtig, weil diese Medikamente häufig über Jahre eingenommen werden.
Auch Schleifen- und Thiaziddiuretika können die Magnesiumausscheidung über die Niere erhöhen. Kaliumsparende Diuretika können dagegen die Ausscheidung reduzieren. Sehr hohe Mengen an Zink aus Nahrungsergänzungsmitteln können ebenfalls den Magnesiumhaushalt beeinträchtigen.
Der Espresso am Morgen ist also häufig nicht das größte Problem. Ein seit Jahren eingenommener Säureblocker oder ein unübersichtlicher Supplement-Stapel kann deutlich relevanter sein.
Magnesium kann umgekehrt auch Medikamente stören
Das wird erstaunlich häufig vergessen. Magnesium kann bestimmte Antibiotika im Darm binden und deren Aufnahme reduzieren. Das betrifft beispielsweise Tetrazykline wie Doxycyclin und bestimmte Chinolone wie Ciprofloxacin. Auch orale Bisphosphonate gegen Osteoporose sollten zeitlich getrennt von Magnesium eingenommen werden.
Besonders interessant ist eine 2025 veröffentlichte kontrollierte Studie zu Levothyroxin. Bei gleichzeitiger Einnahme reduzierte Magnesiumaspartat die gemessene Levothyroxin-Aufnahme in dieser kleinen Untersuchung um ungefähr 12 Prozent. Magnesiumcitrat zeigte ebenfalls einen kleineren Effekt.
Für Patienten mit Schilddrüsenmedikation ist das ein guter Grund, Magnesium nicht einfach gleichzeitig mit der morgendlichen Tablette einzunehmen. Der konkrete Einnahmeabstand sollte sich nach dem jeweiligen Medikament und dessen Fachinformation richten beziehungsweise mit Arzt oder Apotheke abgestimmt werden.
Magnesium, Vitamin D, Kalium und Calcium – Mineralstoffe arbeiten nicht alleine
Ein weiterer Punkt, der in der Werbung häufig zu kurz kommt: Unser Stoffwechsel funktioniert nicht in einzelnen Schubladen. Magnesium ist an Enzymen beteiligt, die den Vitamin-D-Stoffwechsel beeinflussen. In einer randomisierten Studie konnte eine Magnesiumsupplementierung den Vitamin-D-Stoffwechsel abhängig vom Ausgangswert tatsächlich verändern.
Bei einem schweren Magnesiummangel kann außerdem der Calcium- und Kaliumhaushalt gestört werden. Eine Hypokaliämie kann in bestimmten Situationen sogar schwer zu korrigieren sein, solange ein relevanter Magnesiummangel fortbesteht. Das ist ein gutes Beispiel dafür, warum bei Elektrolytstörungen nicht immer nur ein einzelner Laborwert betrachtet werden sollte.
Welche Magnesiumform ist die beste?
Hier beginnt der Marketing-Dschungel. Magnesiumcitrat für Sport. Bisglycinat für Schlaf. Malat für Energie. Taurat fürs Herz. L-Threonat fürs Gehirn. Das klingt angenehm übersichtlich – die klinische Wissenschaft ist leider weniger ordentlich.
Die verschiedenen Verbindungen unterscheiden sich tatsächlich bei Löslichkeit, Verträglichkeit und Aufnahme. Die Vorstellung, jede Form würde nach der Einnahme gezielt ein bestimmtes Organ ansteuern, ist jedoch wesentlich schlechter belegt.
Magnesiumcitrat
Citrat ist gut löslich und eine sinnvolle Standardform für die allgemeine Ergänzung. Bei höheren Mengen kann es den Darm anregen und zu weicherem Stuhl oder Durchfall führen.
Magnesiumbisglycinat
Bisglycinat ist für viele Menschen gastrointestinal gut verträglich. Gerade bei empfindlichem Darm kann das ein Vorteil sein. Die häufige Vermarktung als spezielles Schlaf-Magnesium geht aber über die derzeitige Evidenz hinaus.
Magnesiumoxid
Magnesiumoxid enthält viel elementares Magnesium und ist preiswert. Es wird im Durchschnitt schlechter aufgenommen als verschiedene gut lösliche organische Magnesiumsalze und wirkt häufiger abführend. Das macht es aber nicht zu „schlechtem“ oder verunreinigtem Magnesium. Es ist lediglich für eine gezielte Ergänzung nicht immer die praktischste Form.
Malat, Taurat und L-Threonat
Diese Verbindungen sind biochemisch interessant. Malat wird häufig mit Energie, Taurat mit Herz und Nervensystem und L-Threonat mit kognitiven Funktionen beworben. Für die Behauptung, dass diese Produkte bei gesunden Menschen klinisch eindeutig bessere Ergebnisse liefern als einfachere, gut verfügbare Magnesiumformen, fehlen bisher überzeugende direkte Vergleichsstudien.
Wer hierfür deutlich mehr Geld bezahlt, bezahlt also teilweise auch für eine interessante Hypothese.
Der wichtigste Wert auf der Packung steht oft im Kleingedruckten
Wenn auf einer Dose „1.500 mg Magnesiumcitrat“ steht, bedeutet das nicht, dass sie 1.500 mg Magnesium enthält. Ein großer Teil dieses Gewichts stammt von der Verbindung, an die das Magnesium gebunden ist. Entscheidend ist deshalb die Angabe des elementaren Magnesiums – häufig bezeichnet als „davon Magnesium“.
Nur damit lassen sich Präparate vernünftig vergleichen.
Mehr ist nicht automatisch besser
Auch bei Magnesium gilt nicht: Wenn 200 mg helfen, müssen 600 mg dreimal so gut sein. Nicht aufgenommenes Magnesium bleibt im Darm und zieht dort osmotisch Wasser. Deshalb ist Durchfall unter hoch dosierten Magnesiumprodukten kein Zeichen dafür, dass das Präparat besonders stark „arbeitet“, sondern eher dafür, dass ein relevanter Anteil gerade nicht aufgenommen wurde.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine maximale zusätzliche Menge von 250 mg Magnesium pro Tagesverzehrempfehlung eines Produkts. Diese Menge bezieht sich auf zusätzliches Magnesium aus Nahrungsergänzungsmitteln und nicht auf natürliches Magnesium aus Lebensmitteln. Das BfR empfiehlt außerdem, diese Menge auf mindestens zwei Portionen über den Tag zu verteilen.
Gerade das ist praktisch interessant: Die vernünftige Aufteilung einer normalen Menge kann sinnvoller sein als die Suche nach der exotischsten Magnesiumverbindung auf dem Markt. Bei relevanter Nierenfunktionsstörung sollte Magnesium nicht ohne ärztliche Rücksprache hoch dosiert eingenommen werden, weil die Ausscheidung eingeschränkt sein kann.
Woran erkennt man ein hochwertiges Magnesiumpräparat?
Jetzt kommen wir zu einem Punkt, den viele Patienten nicht wissen:
Nahrungsergänzungsmittel sind in Deutschland Lebensmittel und keine Arzneimittel. Sie durchlaufen deshalb kein mit Arzneimitteln vergleichbares behördliches Zulassungsverfahren, bevor sie verkauft werden. Der Hersteller ist für Sicherheit und Qualität verantwortlich, die amtliche Überwachung erfolgt stichprobenartig.
Ein schickes Etikett mit „Premium“, „Laborqualität“, „7-fach-Komplex“ oder „99,9 % Reinheit“ ist deshalb zunächst nur eine Behauptung, solange nicht klar ist, was tatsächlich geprüft wurde. Ich würde bei einem Produkt auf folgende Dinge achten:
• klare Angabe des elementaren Magnesiums pro Tagesdosis
• nachvollziehbare Magnesiumverbindung
• möglichst kurze und transparente Zutatenliste
• Prüfung auf Schwermetalle und mikrobiologische Belastungen
• idealerweise chargenbezogene oder regelmäßig veröffentlichte Laboranalysen
• nachvollziehbare Herstellungs- und Qualitätsstandards
• eine Dosierung, die sich sinnvoll anpassen lässt
Ein Beispiel für einen Hersteller, der solche Informationen relativ transparent veröffentlicht, ist Biogena. Bei verschiedenen Magnesiumprodukten sind unabhängige LEFO-Laboranalysen unter anderem zu Magnesiumgehalt, Schwermetallen und Mikrobiologie öffentlich einsehbar; außerdem nennt der Hersteller eine FSSC-22000-zertifizierte Produktion.
Das ist ein Qualitätsmerkmal, das man tatsächlich überprüfen kann. Es bedeutet aber nicht automatisch, dass ein teureres Biogena-Produkt bei jedem Menschen besser wirkt als ein günstigeres Präparat eines anderen Herstellers mit vergleichbarer Zusammensetzung und sauberer Qualitätskontrolle.
Qualität und Wirkung sind nicht dasselbe wie Markenname und Preis.
Für eine normale Ergänzung halte ich ein gut deklariertes Magnesiumcitrat für viele Menschen für völlig ausreichend. Bei empfindlichem Magen-Darm-Trakt kann Bisglycinat eine gute Alternative sein. Wer ein anderes Produkt bevorzugt, sollte weniger auf die Zahl der beworbenen Magnesiumformen und mehr auf Dosierung, Verträglichkeit und überprüfbare Qualität achten.
Ein überraschender Bereich: Migräne
Ausgerechnet dort, wo Magnesium am aggressivsten beworben wird – bei normalen Muskelkrämpfen und Schlafproblemen – ist die Evidenz häufig weniger beeindruckend als erwartet. Bei der Migräneprophylaxe gibt es dagegen durchaus Hinweise auf einen Nutzen. Auch das NIH verweist auf Leitlinien, in denen Magnesium als wahrscheinlich wirksam zur Migräneprävention eingestuft wurde.
Die dabei untersuchten therapeutischen Dosierungen liegen allerdings teilweise über den üblichen Mengen von Nahrungsergänzungsmitteln. Das ist deshalb kein Bereich für eine beliebige Selbstmedikation, sondern sollte insbesondere bei höheren Dosierungen ärztlich begleitet werden.
Was würde ich Patienten praktisch empfehlen?
Magnesium ist weder nutzlos noch ein Wundermittel. Wer sich abwechslungsreich ernährt, keine Risikofaktoren besitzt und keine Beschwerden hat, muss nicht automatisch Magnesium supplementieren. Bei niedriger Magnesiumzufuhr, erhöhten Verlusten, relevanten Medikamenten oder einem nachgewiesenen beziehungsweise klinisch plausiblen Mangel kann eine Ergänzung dagegen sinnvoll sein.
Vor dem Kauf würde ich mir fünf einfache Fragen stellen:
1. Warum möchte ich überhaupt Magnesium einnehmen?
2. Wie viel elementares Magnesium enthält das Produkt wirklich?
3. Ist die Verbindung gut verträglich und sinnvoll dosierbar?
4. Nehme ich Medikamente ein, mit denen Magnesium interferieren könnte?
5. Gibt es nachvollziehbare Informationen zur Qualität und Prüfung des Produkts?
Und gerade bei Krämpfen oder Schlafproblemen lohnt sich noch eine sechste Frage:
Was könnte außer Magnesium noch dahinterstecken?
Denn genau dort wird es therapeutisch meistens interessanter.
Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische Untersuchung oder Beratung. Bei anhaltenden Muskelkrämpfen, ausgeprägter Muskelschwäche, Herzrhythmusstörungen, chronischen Schlafproblemen, Nierenerkrankungen, Schwangerschaft oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme sollte die individuelle Situation ärztlich beziehungsweise fachlich abgeklärt werden.
Quellen und weiterführende Informationen
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Magnesium – Referenzwerte und Grundlagen
DGE: Ausgewählte Fragen und Antworten zu Magnesium
NIH Office of Dietary Supplements: Magnesium – Health Professional Fact Sheet
Cochrane Review: Magnesium for skeletal muscle cramps
Arab A. et al.: The Role of Magnesium in Sleep Health – Systematic Review
Mah J. et al.: Oral magnesium supplementation for insomnia in older adults – Systematic Review and Meta-Analysis
Nelson N.L., Churilla J.R.: Exercise-associated muscle cramps and neuromuscular fatigue
Dai Q. et al.: Magnesium status and supplementation influence vitamin D status and metabolism
ThyroMag Trial: Levothyroxine/Magnesium interactions
Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengen für Magnesium in Nahrungsergänzungsmitteln
Bundesinstitut für Risikobewertung: Nahrungsergänzungsmittel sind Lebensmittel und unterliegen keiner Arzneimittelzulassung
BfR: Nahrungsergänzungsmittel für Kinder
WHO: Pre-eclampsia
NICE: Hypertension in pregnancy – recommendations
Biogena: Magnesiumbisglycinat 125 – Produkt- und Laborinformationen
Ihr Team der Praxis Stahl



