„Silent Inflammation“ – stille Entzündungen

Warum chronische Entzündung weit mehr mit Bauchfett, Muskeln, Schlaf und Stoffwechsel zu tun hat als mit dem nächsten Nahrungsergänzungsmittel
Vor einigen Tagen hat mich ein Patient auf den Newsletter einer bekannten Firma aus dem Bereich der Mikronährstoffe aufmerksam gemacht. Das Thema: „Silent Inflammation“ – stille Entzündungen.
Als vier häufige Ursachen wurden dort genannt:
• Alkohol
• späte Mahlzeiten
• chronischer Stress
• Schlafmangel
Anschließend wurden verschiedene Nahrungsergänzungsmittel empfohlen, die Leber, Stoffwechsel, Nervensystem, Schlaf und „Entzündungsbalance“ unterstützen sollen. Nun sind diese vier Punkte keineswegs frei erfunden. Alkohol, chronischer Schlafmangel und anhaltender Stress können tatsächlich inflammatorische Prozesse beeinflussen, und selbst unser Essenszeitpunkt scheint metabolisch nicht völlig irrelevant zu sein.
Trotzdem hatte ich nach dem Lesen das Gefühl:
Wir schauen hier durch ein Schlüsselloch auf ein Thema, das eigentlich ein ganzes Haus umfasst. Denn wenn wir ernsthaft über chronische niedriggradige Entzündungsprozesse sprechen, müssen wir über sehr viel mehr reden: über viszerales Fett, Insulinresistenz, Bewegungsmangel, Muskelmasse, Rauchen, hochverarbeitete Lebensmittel, Schlaf, Stress, Parodontitis, Leberstoffwechsel, chronische Erkrankungen, Darm und Immunsystem – und letztlich auch darüber, welche Rolle Bewegung, Training, Physiotherapie und möglicherweise bestimmte osteopathische Behandlungsansätze spielen können.
Also gehen wir etwas tiefer. Sehr viel tiefer.
Zunächst: Was ist „Silent Inflammation“ überhaupt?
Der Begriff „Silent Inflammation“ klingt ein wenig nach einer versteckten Krankheit.
Medizinisch präziser wäre:
chronische niedriggradige systemische Entzündung – chronic low-grade inflammation. Dabei handelt es sich nicht um eine klassische akute Entzündung. Wenn Sie sich den Knöchel verstauchen, eine bakterielle Infektion bekommen oder sich in den Finger schneiden, reagiert der Körper mit einer akuten Entzündungsreaktion.
Das ist sinnvoll. Die Durchblutung steigt, Immunzellen werden aktiviert, Signalstoffe werden ausgeschüttet und Reparaturmechanismen beginnen. Entzündung ist also zunächst einmal kein Feind, sondern Bestandteil unseres Überlebenssystems. Problematisch wird es, wenn dieses System nicht vollständig zur Ruhe kommt.
Nicht unbedingt mit Fieber. Nicht unbedingt mit Schmerzen. Nicht mit einem geschwollenen Gelenk. Sondern als unterschwellige, langfristige Aktivierung verschiedener Immun- und Stoffwechselwege.
Genau darum geht es bei der sogenannten „Silent Inflammation“.
Der entscheidende Punkt: Stoffwechsel und Immunsystem sind keine getrennten Welten
Früher haben wir Fettgewebe vereinfacht als Energiespeicher betrachtet. Kalorien hinein. Kalorien heraus.
Heute wissen wir:
Fettgewebe ist ein hochaktives endokrines und immunologisches Organ.
Es produziert Hormone, Botenstoffe, Adipokine und Zytokine und kommuniziert permanent mit:
• Leber
• Muskulatur
• Gefäßsystem
• Bauchspeicheldrüse
• Gehirn
• Immunsystem
Und genau an dieser Stelle wird vor allem eine Fettart interessant.
Viszerales Fett – das metabolisch problematische Bauchfett
Nicht jedes Kilogramm Körperfett verhält sich biologisch gleich. Besonders relevant ist das viszerale Fettgewebe. Das ist das Fett, das sich innerhalb der Bauchhöhle um die inneren Organe ansammelt. Im Gegensatz zum subkutanen Fett direkt unter der Haut ist viszerales Fett metabolisch besonders aktiv.
Mit zunehmender Fettzellgröße entstehen unter anderem:
• schlechtere lokale Sauerstoffversorgung
• veränderte Adipokinproduktion
• vermehrte Einwanderung von Immunzellen
• Aktivierung von Makrophagen
• gesteigerte Produktion proinflammatorischer Signalstoffe
Bei Adipositas kann es im Fettgewebe zu Hypoxie und einer Verschiebung des immunologischen Milieus kommen. Proinflammatorische Signalwege und Substanzen wie TNF-α und IL-1β können wiederum die Insulinsignalübertragung beeinträchtigen.
Hier entsteht ein ungünstiger Kreislauf:
mehr viszerales Fett → mehr metabolischer Stress → mehr Entzündungsaktivität → schlechtere Insulinwirkung → weitere metabolische Verschlechterung. Und genau deshalb kann es durchaus vorkommen, dass jemand keine offensichtliche entzündliche Erkrankung hat und trotzdem dauerhaft ein ungünstiges inflammatorisches Stoffwechselmilieu entwickelt.
Insulinresistenz – wenn der Körper immer lauter „Insulin“ rufen muss
Insulin ist vereinfacht gesagt das Signal:
„Wir haben Energie – bringt Glukose aus dem Blut in die Zellen.“ Bei einer Insulinresistenz reagieren bestimmte Gewebe zunehmend schlechter auf dieses Signal. Die Bauchspeicheldrüse kompensiert zunächst. Sie produziert mehr Insulin.
Der Blutzucker kann dabei über längere Zeit sogar noch relativ unauffällig bleiben.
Das ist ein wichtiger Punkt:
Eine beginnende metabolische Dysfunktion muss nicht sofort an einem dramatisch erhöhten Nüchternblutzucker erkennbar sein. Über Jahre können sich Hyperinsulinämie, veränderte Fettstoffwechselprozesse, viszerale Fettansammlung und chronische Entzündungsaktivität gegenseitig verstärken. Fettgewebe setzt dabei nicht nur freie Fettsäuren frei, sondern auch Adipokine, Chemokine und inflammatorische Signalstoffe, welche die Insulinwirkung in Leber und Muskulatur zusätzlich beeinträchtigen können.
Das ist einer der Gründe, warum die Vorstellung „Entzündung ist etwas, das ausschließlich bei Rheuma oder Infektionen vorkommt“ biologisch längst überholt ist.
Muskelmasse – möglicherweise eines der unterschätztesten „Entzündungsorgane“
Jetzt wird es für mich als Physiotherapeut besonders interessant. Denn Muskeln sind ebenfalls viel mehr als Motoren für unsere Gelenke. Skelettmuskulatur ist ein endokrines Organ. Wenn Muskulatur arbeitet, setzt sie sogenannte Myokine frei.
Eines der bekanntesten ist Interleukin-6.
Jetzt könnte jemand einwenden:
„Moment – IL-6 ist doch ein Entzündungsmarker?“ Ja. Und genau hier zeigt sich, wie unsinnig es wäre, einzelne Botenstoffe grundsätzlich in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen. Das während einer Muskelkontraktion freigesetzte IL-6 entsteht in einem völlig anderen physiologischen Kontext als chronisch erhöhtes IL-6 aus entzündlich verändertem Fettgewebe.
Muskelinduziertes IL-6 kann Stoffwechselprozesse beeinflussen und weitere antiinflammatorische Signale initiieren.
Das führt zu einer für mich enorm wichtigen Botschaft:
Bewegung verbrennt nicht einfach nur Kalorien. Jede Muskelkontraktion ist biologische Kommunikation. Und Muskelmasse ist metabolisch aktives Gewebe.
Bewegungsmangel ist deshalb mehr als nur „zu wenig Kalorienverbrauch“
Wenn wir uns wenig bewegen, passiert nicht einfach nur Folgendes:
„Ich verbrauche 300 kcal weniger.“ Wir verlieren gleichzeitig einen physiologischen Stimulus, den unser Organismus evolutionär ständig erwartet.
Regelmäßige körperliche Aktivität beeinflusst:
• Insulinsensitivität
• Glukoseaufnahme
• mitochondriale Funktion
• Gefäßfunktion
• Körperzusammensetzung
• Muskelmasse
• Fettstoffwechsel
• Myokinfreisetzung
• inflammatorische Regulation
Bei Menschen mit Übergewicht beziehungsweise Adipositas zeigen Metaanalysen, dass sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining inflammatorische Marker beeinflussen können.
Das heißt:
Training ist tatsächlich eine antiinflammatorische Intervention.
Nicht metaphorisch. Biochemisch.
Interessanterweise kann Training kurzfristig sogar „entzündlich“ aussehen
Nach einem harten Training können bestimmte Entzündungsmarker kurzfristig ansteigen. Das ist nicht automatisch schlecht. Training erzeugt einen kontrollierten Stressreiz. Mikroschäden, mechanische Belastung, Veränderungen der Energiebereitstellung und Immunantworten lösen Reparatur- und Anpassungsprozesse aus.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen:
akutem kontrolliertem Stress mit anschließender Regeneration und chronisch niedriggradiger Aktivierung ohne ausreichende Erholung. Training ist damit ein hervorragendes Beispiel dafür, dass „Entzündung“ nicht grundsätzlich negativ ist.
Die Fähigkeit, eine Entzündungsreaktion zu starten und anschließend wieder aufzulösen, ist entscheidend.
Adipositas – das Problem ist nicht die Zahl auf der Waage allein
An dieser Stelle möchte ich etwas differenzieren. BMI und Körpergewicht sind relativ grobe Parameter. Zwei Menschen können denselben BMI haben und metabolisch völlig unterschiedlich aussehen.
Relevant sind unter anderem:
• Fettverteilung
• viszerales Fett
• Muskelmasse
• Fitness
• Insulinsensitivität
• Leberfett
• Blutdruck
• Lipidstoffwechsel
• körperliche Aktivität
Trotzdem gilt:
Bei ausgeprägtem Übergewicht ist die Wahrscheinlichkeit einer metabolisch ungünstigen Fettgewebssituation erhöht.
Und hier sehen wir einen sehr interessanten Effekt:
Gewichtsverlust kann inflammatorische Marker deutlich reduzieren.
Das bedeutet aber nicht:
„Jeder muss dünn werden.“
Sondern:
Die Reduktion überschüssigen viszeralen Fettgewebes kann therapeutisch äußerst relevant sein.
Ernährung – Lebensmittel sind keine Medikamente, aber Ernährung verändert unser biologisches Milieu
Beim Thema Ernährung wird die Diskussion schnell ideologisch. Low Carb. Vegan. Carnivore. Keto. Intervallfasten. Glutenfrei. Steinzeiternährung.
Am Ende ist die wissenschaftlich interessantere Frage oft viel banaler:
Wie hoch ist die Qualität der Ernährung insgesamt?
Ein Ernährungsmuster mit:
• viel Gemüse
• Obst
• Hülsenfrüchten
• Nüssen
• hochwertigen Pflanzenölen
• ausreichend Protein
• Fisch beziehungsweise Omega-3-Quellen
• ballaststoffreichen Lebensmitteln
• wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln
ist etwas völlig anderes als eine Ernährung, die zu einem erheblichen Anteil aus hochverarbeiteten Produkten besteht.
Ultra-Processed Foods – wenn Nahrung zum Industrieprodukt wird
Der Begriff Ultra-Processed Foods, kurz UPF, beschreibt hochgradig industriell verarbeitete Lebensmittel.
Typische Beispiele sind:
• viele Süßwaren
• Softdrinks
• bestimmte Fertiggerichte
• stark verarbeitete Backwaren
• viele Snackprodukte
• zahlreiche Fast-Food-Produkte
Das Problem ist wahrscheinlich nicht ein einzelner Zusatzstoff.
Vielmehr kommen mehrere Dinge zusammen:
• hohe Energiedichte
• geringe Sättigung
• wenig Ballaststoffe
• geringe Mikronährstoffdichte
• hohe Schmackhaftigkeit
• schnelle Verfügbarkeit
• teilweise ungünstige Fett- und Zuckerzusammensetzung
Das bedeutet nicht:
„Ein Fertiggericht entzündet Ihren Körper.“
Es bedeutet:
Ein langfristiges Ernährungsmuster mit sehr hohem Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel scheint mit einem ungünstigeren inflammatorischen Profil verbunden zu sein. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die mediterrane Ernährung – langweilig, aber beeindruckend robust
Interessanterweise gewinnen wissenschaftlich häufig nicht die spektakulärsten Ernährungsformen. Sondern die langweiligen. Für ein mediterran geprägtes Ernährungsmuster gibt es vergleichsweise konsistente Hinweise auf positive Effekte hinsichtlich kardiometabolischer Gesundheit und verschiedener Entzündungsmarker.
Und nein:
Dafür müssen Sie nicht jeden Abend bei Sonnenuntergang Sardinen und Oliven am Mittelmeer essen.
Die Grundidee ist wichtiger:
möglichst viele unverarbeitete Lebensmittel, Pflanzenvielfalt, hochwertige Fette und eine vernünftige Gesamtenergiebilanz.
Rauchen – einer der stärksten vermeidbaren Entzündungsreize
Beim Rauchen müssen wir eigentlich nicht lange diskutieren.
Tabakrauch führt zu:
• oxidativem Stress
• endothelialer Dysfunktion
• Aktivierung des Immunsystems
• Veränderungen verschiedener Zytokine
• chronischer Schädigung der Atemwege
• vaskulären Veränderungen
Wenn jemand also:
• schlecht schläft,
• wenig Sport macht,
• viszerales Fett besitzt,
• raucht
• und sich überwiegend hochverarbeitet ernährt,
dann wird kein Supplement der Welt diese Faktoren einfach „neutralisieren“.
Schlaf – eine einzelne schlechte Nacht ist nicht das Problem
Hier lohnt sich eine Korrektur des ursprünglichen Newsletters. Dort wird behauptet, dass bereits eine einzige schlechte Nacht Entzündungsmarker messbar steigen lasse. So eindeutig ist die Datenlage nicht.
Eine aktualisierte Metaanalyse experimenteller Schlafentzugsstudien zeigte einen interessanten Unterschied:
Eine einzelne Nacht Schlafentzug führte nicht konsistent zu signifikanten Veränderungen der untersuchten Entzündungsmarker. Mehrere Nächte partieller Schlafrestriktion dagegen schon. Insbesondere IL-6 und CRP können bei wiederholtem Schlafmangel ansteigen. Das ist eine wichtige Botschaft.
Wer einmal wegen eines kranken Kindes, einer Feier oder einer schlechten Nacht vier Stunden schläft, hat nicht sofort seinen Stoffwechsel ruiniert.
Problematisch ist eher:
5 Stunden. Jeden Tag. Über Monate oder Jahre.
Schlaf und Adipositas verstärken sich gegenseitig
Chronischer Schlafmangel kann wiederum:
• Hungerregulation verändern
• Appetit erhöhen
• Glukoseregulation verschlechtern
• Trainingsmotivation reduzieren
• Stress erhöhen
Und Gewichtszunahme erhöht wiederum das Risiko beispielsweise für Schlafapnoe. Schlafapnoe wiederum erzeugt intermittierende Hypoxie und sympathischen Stress. So entstehen Kreisläufe, bei denen Schlaf, Stoffwechsel und Entzündungsaktivität ineinandergreifen.
Das ist ein typisches Merkmal chronischer Erkrankungen:
Es gibt selten nur eine Ursache.
Chronischer Stress – wenn der Körper nie aus dem Alarmzustand herauskommt
Stress ist nicht grundsätzlich schlecht. Ein Wettkampf ist Stress. Training ist Stress. Eine Prüfung ist Stress.
Das Problem ist erneut:
fehlende Erholung.
Bei chronischem psychosozialem Stress verändert sich die Regulation zwischen:
• autonomem Nervensystem
• Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse
• Cortisol
• Immunsystem
Das führt nicht einfach zu:
„Cortisol hoch = Entzündung hoch.“ Die Regulation ist wesentlich komplexer. Chronischer Stress kann unter anderem die Empfindlichkeit von Immunzellen gegenüber glucocorticoiden Signalen verändern.
Gleichzeitig beeinflusst Stress Verhalten:
Menschen schlafen schlechter. Sie bewegen sich weniger. Sie essen anders. Sie trinken möglicherweise mehr Alkohol.
Das bedeutet:
Stress wirkt sowohl direkt als auch indirekt.
Alkohol – Dosis und Regelmäßigkeit sind entscheidend
Dass größerer Alkoholkonsum entzündliche und metabolische Prozesse beeinflussen kann, ist gut begründbar.
Alkohol kann unter anderem:
• Leberstoffwechsel belasten
• Darmbarriere beeinflussen
• oxidativen Stress erhöhen
• Immunantworten verändern
• Schlafqualität verschlechtern
Was mir allerdings nicht gefällt, ist die Vorstellung:
„Ich trinke Alkohol und nehme anschließend ein Leber-Supplement.“ Das ist biologisch ungefähr so sinnvoll, als würde man jeden Abend mit dem Hammer gegen die Wand schlagen und anschließend einen besonders hochwertigen Spachtel kaufen.
Wenn ein Verhalten eine Belastung verursacht, ist die wirksamste Intervention häufig:
weniger Belastung.
Und was ist nun mit spätem Essen?
Hier ist die Situation deutlich spannender als:
„Nach 20 Uhr essen macht Entzündungen.“ Unser Körper besitzt circadiane Rhythmen. Glukosetoleranz und Insulinsensitivität sind nicht zu jeder Tageszeit identisch. Studien zu Time-Restricted Eating zeigen deshalb durchaus interessante metabolische Effekte.
Aber auch hier:
Ein gesundes Abendessen um 20:30 Uhr macht einen körperlich aktiven, normalgewichtigen Menschen nicht plötzlich chronisch entzündet. Entscheidend ist das Gesamtbild.
Ein erstaunlich unterschätzter Faktor: das Zahnfleisch
Jetzt kommen wir zu einem Punkt, an den die wenigsten Menschen denken. Parodontitis ist eine chronisch entzündliche Erkrankung. Das Zahnfleisch ist stark durchblutet. Bei ausgeprägter chronischer Parodontitis treffen bakterielle Belastung und Immunantwort dauerhaft aufeinander.
Und das bleibt offenbar nicht vollständig auf den Mund beschränkt. Menschen mit Parodontitis weisen im Durchschnitt höhere systemische Entzündungsmarker auf. Besonders spannend: Nach erfolgreicher Parodontitistherapie können auch systemische CRP-Werte sinken. Das ist für mich ein hervorragendes Beispiel dafür, warum „Silent Inflammation“ nicht mit irgendeiner Detox-Kapsel abgehandelt werden kann.
Manchmal sitzt der chronische Entzündungsreiz buchstäblich zwischen den Zähnen.
Chronische Erkrankungen – Ursache oder Folge?
Viele chronische Erkrankungen gehen mit veränderter inflammatorischer Aktivität einher.
Dazu gehören beispielsweise:
• Diabetes mellitus
• metabolische Fettleber
• rheumatologische Erkrankungen
• chronisch entzündliche Darmerkrankungen
• chronische Lungenerkrankungen
• Herz-Kreislauf-Erkrankungen
• bestimmte chronische Infektionen
Dabei ist die Richtung häufig nicht eindeutig. Entzündung kann eine Erkrankung fördern. Die Erkrankung kann wiederum Entzündung erzeugen.
Und gemeinsame Ursachen wie:
• Übergewicht
• Rauchen
• Schlafmangel
• Bewegungsmangel
können beides beeinflussen.
Wir sollten deshalb vorsichtig sein mit der Vorstellung:
„Ich habe einen erhöhten Entzündungswert – also muss ich Entzündung behandeln.“
Eigentlich müssen wir fragen:
Warum ist das System aktiviert?
Kann man „Silent Inflammation“ messen?
Hier landet man schnell beim CRP beziehungsweise hs-CRP. CRP wird von der Leber produziert und steigt bei verschiedenen entzündlichen Vorgängen an. Das hochsensitive CRP kann sehr niedrige Konzentrationen genauer messen und wird unter anderem in der kardiovaskulären Risikobewertung verwendet.
Aber:
CRP ist kein „Silent-Inflammation-Test“.
Ein erhöhter Wert kann zahlreiche Ursachen haben. Infekt. Verletzung. Zahnprobleme. Autoimmunerkrankung. Stoffwechselerkrankung. Adipositas. Und vieles mehr.
Andere Forschungsmarker sind beispielsweise:
• IL-6
• TNF-α
• verschiedene Chemokine
• Leptin
• Adiponectin
• fibrinogenbezogene Parameter
Diese sind allerdings keineswegs alle Bestandteil einer sinnvollen Routinediagnostik. Man sollte deshalb nicht versuchen, einen möglichst großen Laborzettel zu produzieren. Laborwerte müssen eine klinische Fragestellung beantworten.
Jetzt die wichtigste Frage: Was kann man dagegen tun?
Wenn wir die Evidenz gewichten, entsteht eine interessante Rangfolge. Und ganz oben steht nicht das Nahrungsergänzungsmittel.
1. Überschüssiges viszerales Fett reduzieren
Wenn viszerale Adipositas vorliegt, dürfte die Verbesserung der Körperzusammensetzung zu den wirksamsten langfristigen Maßnahmen gehören. Nicht Crash-Diät. Nicht zwei Wochen Detox. Sondern nachhaltige Veränderung.
2. Bewegen – und zwar regelmäßig
Spazierengehen. Radfahren. Laufen. Schwimmen. Krafttraining. Treppen. Sport. Es muss nicht alles perfekt sein. Der Körper reagiert bereits darauf, dass Muskulatur regelmäßig arbeiten muss.
3. Muskelmasse erhalten und aufbauen
Mit zunehmendem Lebensalter wird dieser Punkt immer wichtiger.
Muskelmasse verbessert nicht nur:
• Kraft
• Gelenkstabilität
• Alltagstauglichkeit
• Sturzrisiko
• Belastbarkeit
sondern stellt auch ein metabolisch hochaktives Gewebe dar.
Deshalb gehört Krafttraining für mich nicht in die Kategorie:
„Bodybuilding.“
Sondern:
Gesundheitsvorsorge.
4. Ernährungsqualität verbessern
Nicht perfekt. Aber besser.
Mehr:
• Gemüse
• Ballaststoffe
• Hülsenfrüchte
• Nüsse
• hochwertige Öle
• unverarbeitete Lebensmittel
• ausreichend Protein
Weniger:
• Softdrinks
• stark verarbeitete Snacks
• hochkalorische Fertigprodukte
• permanent verfügbare „Snack-Kalorien“
5. Rauchen beenden
Wenn jemand raucht, ist die Diskussion über exotische Anti-Inflammations-Supplemente eigentlich zweitrangig.
6. Schlaf ernst nehmen
Nicht jede Nacht muss perfekt sein. Aber dauerhaft fünf Stunden Schlaf sollten nicht zur Normalität werden.
7. Chronische Entzündungsherde behandeln
Das können beispielsweise sein:
• Parodontitis
• chronische Erkrankungen
• metabolische Erkrankungen
• unbehandelte Schlafapnoe
• chronische Infektionen
Hier gehört gegebenenfalls ärztliche beziehungsweise zahnärztliche Diagnostik dazu.
Und was ist mit Omega-3 und Nahrungsergänzungsmitteln?
Jetzt kommt der Teil, an dem ich nicht einfach sagen möchte:
„Alles Marketing.“ Denn auch das wäre wissenschaftlich falsch. Für Omega-3-Fettsäuren beispielsweise gibt es durchaus Daten zu inflammatorischen Markern. Omega-3 kann also durchaus sinnvoll sein.
Aber:
Ein Supplement ist Ergänzung.
Das steckt bereits im Wort. Es ergänzt einen Lebensstil.
Es ersetzt ihn nicht.
Und jetzt zur Physiotherapie: Können wir chronische Entzündung behandeln?
Hier wird es spannend. Und gleichzeitig müssen wir wissenschaftlich sauber bleiben. Die mit Abstand stärkste antiinflammatorische Intervention innerhalb der Physiotherapie ist meiner Meinung nach nicht:
• Faszienbehandlung
• Manipulation
• Massage
• Triggerpunkttherapie
• Osteopathie
sondern:
Bewegung. Das klingt für einen Physiotherapeuten vielleicht wenig spektakulär. Ist physiologisch aber enorm.
Wenn wir einen Menschen:
• stärker machen,
• ausdauernder machen,
• seine Muskelmasse erhöhen,
• seine Alltagsaktivität steigern,
• seine Insulinsensitivität verbessern,
• sein viszerales Fett reduzieren,
dann beeinflussen wir genau jene Systeme, die chronische niedriggradige Entzündung antreiben. Das ist moderne Physiotherapie.
Training ist systemische Therapie
Ein Patient kommt möglicherweise wegen Rückenschmerzen. Wir trainieren seine Beine. Seinen Rumpf. Seine Ausdauer. Seine Belastbarkeit. Auf den ersten Blick behandeln wir einen Rücken.
Biologisch verändern wir gleichzeitig:
• Muskelstoffwechsel
• Glukosestoffwechsel
• Gefäßfunktion
• mitochondriale Kapazität
• Myokinprofil
• Körperzusammensetzung
Genau deshalb sollte Physiotherapie meiner Meinung nach längst sehr viel stärker als systemische Intervention verstanden werden.
Was ist mit manueller Therapie und faszialen Behandlungen?
Hier müssen wir differenzieren. Es gibt durchaus interessante Hinweise darauf, dass nichtmedikamentöse Interventionen bei chronischen Schmerzen Veränderungen verschiedener Entzündungsmarker begleiten können.
In einzelnen Studien wurden beispielsweise Veränderungen von:
• TNF-α
• IL-6
• CRP
• IL-1β
beobachtet. Das klingt zunächst spektakulär. Aber die Anzahl hochwertiger Studien ist klein, die Stichproben sind teilweise sehr klein und die Interventionen sowie gemessenen Biomarker ausgesprochen heterogen.
Wir können derzeit also nicht seriös sagen:
„Faszientherapie senkt systemische Entzündung.“ Dafür reicht die Evidenz nicht.
Trotzdem könnte man sich biologisch einige indirekte Wirkwege vorstellen
Manuelle Behandlung kann bei bestimmten Patienten:
• Schmerzen reduzieren
• Bewegung ermöglichen
• Muskeltonus beeinflussen
• Körperwahrnehmung verändern
• Angst vor Bewegung reduzieren
• Entspannung fördern
• möglicherweise autonome Regulationsmechanismen beeinflussen
Wenn ein Patient anschließend:
• besser schläft,
• mehr läuft,
• weniger Schmerzen hat,
• wieder trainieren kann,
dann kann daraus indirekt ein relevanter systemischer Effekt entstehen.
Das halte ich für wesentlich plausibler als die Vorstellung:
„Ich massiere Entzündung aus dem Gewebe heraus.“
Faszien und Entzündung – ein faszinierendes Forschungsfeld
Faszien werden noch immer manchmal dargestellt wie Verpackungsmaterial. Dabei handelt es sich um biologisch aktives, innerviertes und vaskularisiertes Bindegewebe.
Fibroblasten reagieren auf:
• mechanische Belastung
• Zug
• Druck
• Gewebeschädigung
• Entzündungsmediatoren
Es existieren experimentelle Hinweise darauf, dass mechanische Stimulation zelluläre Signalprozesse beeinflussen kann. Das ist spannend.
Aber wir müssen unterscheiden zwischen:
„Eine Zelle reagiert im Labor auf mechanische Belastung.“ und „Eine manuelle Faszientechnik reduziert beim Menschen eine chronische systemische Entzündung.“ Zwischen diesen beiden Aussagen liegen wissenschaftlich Welten.
Und die Osteopathie?
Hier möchte ich bewusst weder in die eine noch in die andere ideologische Richtung gehen.
Es gibt osteopathische Verfahren, die:
• Schmerz
• Beweglichkeit
• subjektive Beschwerden
beeinflussen können. Auch einzelne Untersuchungen zeigen nach osteopathischer Behandlung Veränderungen von Immunmediatoren. Das ist interessant.
Aber noch kein Beweis für:
„Osteopathie behandelt Silent Inflammation.“
Besonders kritisch: viszerale Osteopathie
Die viszerale Osteopathie beschäftigt sich mit manuellen Techniken im Bereich der inneren Organe und ihrer umgebenden Strukturen.
Theoretisch diskutiert werden unter anderem:
• Beweglichkeit von Organen
• fasziale Verbindungen
• vegetative Regulation
• Atmung und Zwerchfell
• lokale mechanische Spannungsverhältnisse
• lymphatische und venöse Drainage
Viele dieser Zusammenhänge sind anatomisch beziehungsweise physiologisch grundsätzlich denkbar. Die klinische Evidenz ist allerdings erheblich dünner als die theoretischen Modelle.
Noch weniger können wir derzeit seriös behaupten:
„Viszerale Osteopathie reduziert chronische systemische Entzündung.“ Dafür existiert aktuell keine belastbare Evidenz.
Aber was ist mit Lymphe und venösem Rückstrom?
Physiologisch ist dieser Bereich durchaus interessant. Blut und Lymphe werden nicht nur vom Herzen bewegt.
Eine wichtige Rolle spielen:
• Muskelpumpe
• Atmung
• Druckverhältnisse im Thorax
• Zwerchfellbewegung
• Körperposition
• Gefäßklappen
• Bewegung der Extremitäten
Insbesondere die Wadenmuskelpumpe ist für den venösen Rückstrom aus den Beinen enorm wichtig. Beim Gehen kontrahiert die Muskulatur und komprimiert tiefe Venen. Ventile sorgen dafür, dass das Blut bevorzugt Richtung Herz fließt.
Das bedeutet:
Die beste „Technik“ zur Verbesserung der venösen Muskelpumpe ist häufig schlicht Bewegung.
Das Zwerchfell als Druckpumpe
Mit jeder Einatmung verändern sich die Druckverhältnisse zwischen Brust- und Bauchraum. Dadurch wird auch der venöse Rückstrom beeinflusst. Das ist normale Physiologie.
Entsprechend kann man durchaus argumentieren, dass:
• tiefe Atmung
• Bewegung
• Mobilität des Thorax
• Aktivität des Zwerchfells
für Kreislauf und Flüssigkeitsbewegung relevant sind.
Aber daraus darf man nicht automatisch schließen:
„Eine manuelle Zwerchfelltechnik senkt dadurch chronische Entzündungswerte.“ Dieser Nachweis fehlt.
Lymphatische osteopathische Techniken
In der Osteopathie existieren sogenannte lymphatische Pumptechniken. Die theoretische Idee dahinter ist, Flüssigkeitsbewegung und lymphatische Zirkulation mechanisch zu unterstützen. Es existieren experimentelle Daten, die Veränderungen von Lymphfluss beziehungsweise Immunmediatoren nahelegen.
Das Konzept ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Aber wiederum gilt:
physiologischer Effekt ≠ klinisch relevante Therapie einer chronischen systemischen Entzündung. Hier braucht es deutlich bessere Forschung.
Der möglicherweise wichtigste osteopathische Effekt ist deshalb manchmal ein ganz anderer
Stellen Sie sich einen Menschen mit chronischen Rückenschmerzen vor. Er bewegt sich kaum. Er schläft schlecht. Er hat Angst vor Belastung. Er nimmt Gewicht zu.
Seine Kondition nimmt ab. Training tut weh.
Wenn eine manuelle oder osteopathische Behandlung:
• Schmerzen kurzfristig reduziert,
• Bewegung erleichtert,
• Vertrauen in den Körper verbessert
• und einen Einstieg in körperliche Aktivität ermöglicht,
dann ist sie möglicherweise sehr wertvoll. Aber nicht unbedingt deshalb, weil sie irgendeinen Entzündungsstoff „herausdrückt“.
Sondern weil sie die Tür öffnet für die Intervention mit der besseren systemischen Evidenz:
Bewegung.
Passive Behandlung und aktive Behandlung sind keine Gegner
Ich halte die Debatte „Hands-on versus Training“ deshalb für künstlich.
Ein sinnvoller Ansatz kann beispielsweise so aussehen:
Phase 1
Schmerz reduzieren. Bewegung ermöglichen. Unsicherheit reduzieren.
Phase 2
Mobilität und Belastung steigern.
Phase 3
Muskelmasse und Kraft aufbauen.
Phase 4
Ausdauer verbessern.
Phase 5
Alltagsaktivität und Selbstmanagement etablieren. Dann wird eine manuelle Behandlung nicht zum Gegenmodell des Trainings. Sondern zum möglichen Werkzeug auf dem Weg dorthin.
Was wäre also eine echte „Anti-Inflammations-Therapie“?
Wenn ich einen möglichst wirksamen Plan zusammenstellen müsste, würde dieser ziemlich unspektakulär aussehen:
1. Regelmäßig bewegen
2. Ausdauer trainieren
3. Krafttraining durchführen
4. Überschüssiges viszerales Fett reduzieren
5. Muskelmasse erhalten
6. überwiegend unverarbeitete Lebensmittel essen
7. ausreichend Protein und Ballaststoffe zuführen
8. nicht rauchen
9. chronischen Schlafmangel vermeiden
10. chronische Erkrankungen behandeln lassen
11. Zahn- und Zahnfleischgesundheit ernst nehmen
12. Alkohol nicht als alltägliches Regenerationsmittel betrachten
Und erst danach würde ich fragen:
Welche Supplemente können sinnvoll ergänzen?
Der Körper braucht keine „Entgiftung“ – er braucht funktionierende Systeme
Leber. Niere. Lunge. Darm. Immunsystem. Lymphsystem. Gefäßsystem. Muskulatur. Diese Systeme arbeiten jeden Tag. Unser Ziel sollte nicht sein, sie mit irgendwelchen kurzfristigen „Detox-Kuren“ zu retten.
Unser Ziel sollte sein, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie langfristig funktionieren können.
Die überraschende Schlussfolgerung
Wenn wir über „Silent Inflammation“ sprechen, suchen viele Menschen nach einer Substanz. Omega-3. Curcumin. Magnesium. Vitamin D. Polyphenole. Und all diese Stoffe können in bestimmten Situationen durchaus interessant sein.
Aber die großen Hebel sind häufig erstaunlich banal:
Bauchumfang. Muskelmasse. Bewegung. Schlaf. Rauchen. Ernährung. Zahngesundheit. Stoffwechsel. Und genau hier hat moderne Physiotherapie meiner Meinung nach einen viel größeren Stellenwert, als viele Menschen glauben.
Denn wir behandeln nicht nur Muskeln und Gelenke. Wenn wir Menschen wieder in Bewegung bringen, ihre Belastbarkeit steigern und ihnen helfen, dauerhaft körperlich aktiv zu werden, beeinflussen wir ein ganzes biologisches System.
Vielleicht ist deshalb ausgerechnet die einfachste Intervention eine der wirkungsvollsten:
Bewegung ist Medizin.
Aber wie bei jeder Medizin kommt es auf Dosis, Regelmäßigkeit und langfristige Anwendung an. Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen gesundheitlichen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnostik oder Behandlung. Anhaltend erhöhte Entzündungswerte, ungeklärte Beschwerden oder der Verdacht auf metabolische beziehungsweise chronisch entzündliche Erkrankungen sollten ärztlich abgeklärt werden.
Ihr Team der Praxis Stahl



